Rituale geben Sicherheit. Das gilt vor allem für Autisten. Folgt man dem israelischen Neurowissenschafter Henry Markram zählen zu den wichtigsten Bedürfnissen von Autisten Ruhe und eine strukturierte Umgebung. Es werden Objekte aufeinanderreiht, starre Tagesabläufe verfolgt, Wissen angehäuft, Pflastersteine gezählt und Legosteine aufgetürmt. Was die einen als Zwang sehen, erklärt Markram mit Ritual: Wiederholungen beruhigen, bauen Ängste und Stress ab. Man müsse daher die Rituale zulassen, um Autisten zu helfen, meint er.

Henry Markram zählt zu den international bekanntesten Erforschern der Gehirns, berühmt wurde er vor allem durch sein Human Brain Projekt, sein Versuch, das menschliche Gehirn nachzubauen. Auch wenn Markram mit diesem Vorhaben gescheitert ist, so haben seine Forschungen neue Hinweise auf die Ursachen von  Autismus-Spektrum-Störungen gebracht. Denn Markrams Sohn ist Autist, der Wissenschafter wollte ihn besser verstehen und herausfinden, warum diesem weder Verhaltenstherapie noch besondere Schulen helfen konnten. Seine Erkenntnisse  dazu haben das Bild von Autismus nachhaltig verändert und die bis dahin geltende Lehrmeinung ins Wanken gebracht.


Spektrum von leicht bis schwer

Autisten sind verschieden. Der eine braucht Pflege, der andere wird als Genie gehandelt, und ein anderer wiederum gilt als Sonderling. Wegen der vielen Ausprägungen und Schweregrade von Autismus spricht man seit einigen Jahren von einem Spektrum, das von leichten bis zu sehr schweren Störungen reicht. Was genau Autismus verursacht, ist nach wie vor unbekannt. Man weiß, dass Autismus im Erbgut angelegt ist und durch Faktoren wie Alkohol, Medikamente oder Quecksilber ausgelöst werden kann - aber nicht muss. Aus der Zwillingsforschung ist bekannt, dass diese Faktoren allein nicht ausreichen, es kommen etwa auch Erziehung und Sozialisation hinzu. Als haltlos hingegen haben sich Erklärungsansätze wie Schädigung durch Impfungen oder mangelnde Zuneigung durch sogenannte Kühlschrankmütter erwiesen.

Zu den Hauptmerkmalen von Autismus-Spektrum-Störungen  wird  Empathiemangel gezählt. So entwickeln in den ersten Lebensjahren Kinder eine "Theory of Mind" – damit ist das Verständnis dafür gemeint, dass die Mitmenschen andere Gedanken, Gefühle, Vorlieben und Wissen haben als sie selbst. Bei autistischen Kindern läuft dieser Lehrmeinung zufolge ein solcher Prozess langsamer ab. Deshalb auch die Schwierigkeiten, sich in die Lage anderer Personen zu versetzten, was in Folge zu Problemen im Umgang mit den Mitmenschen führt.

Nicht zu wenig sondern zu viel

Henry Markram hingegen geht nicht von einem solchen Defizit aus. Im Gegenteil. Autisten sind ihm zufolge nicht gefühlsarm sondern gefühlsüberladen. Sie spüren nicht zu wenig, sondern zu viel. Sie entwickeln deshalb Ängste und schotten sich dann ab. Der Rückzug sei daher eine Reaktion auf das Zuviel; eine Überforderung durch plötzliche Informationsflut. Dem Wissenschafter zufolge reagiert das autistische Hirn in solchen Situationen über: Ihre Hirnrinde ist übermäßig aktiv, weshalb die Eindrücke verstärkt wahrgenommen  werden.

Was bei den meisten Menschen ein Wohlgefühl auslöst, bereitet Autisten Schmerzen und brennt sich ein wie ein Trauma: Sonnenstrahlen sind zu grell, das Rauschen des Meeres ist viel zu laut, das Stimmengewirr eines heiteres Umtrunks in einem Lokal unerträglich, der Geruch von Parfum steigt penetrant als Gestank in die Nase. Für das Gehirn von Autisten sind Empfindungen zu intensiv, um verarbeitet zu werden. Und auch Emotionen schmerzen sehr. Autisten müssen sich schützen, sie ertragen daher die Welt nur in Ausschnitten, folgert Markram. Das Gehirn dürfe deshalb nicht noch mehr angeregt werden, sondern beruhigt: Wolle man Autisten helfen, müsse man der Reizüberflutung entgegenwirken. Ein autistisches Kind sollte in einer gefilterten Welt aufwachsen und das Lernen verlangsamen, so der Hirnforscher.

Auch andere Studien weisen in diese Richtung. So haben Untersuchungen gezeigt, dass Gehirne autistischer Kinder im Ruhezustand 42 Prozent mehr Informationen verarbeiten als die Gehirne nicht autistischer Kinder. Arbeiten am Massachusetts General Hospital in Boston über Blickkontakt und die Hirnaktivität von Betroffenen haben in den vergangenen Jahren ebenso Ergebnisse geliefert, die für Markrams These sprechen. Erschienen sind diese in Markrams eigener Publikation "Frontiers in Neuroscience".

- © https://www.luebbe.de/luebbe-sachbuch/buecher/autobiografie/der-junge-der-zu-viel-fuehlte/id_7598684?
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Es gibt auch Kritik an der Intense World Theory. Die Forschungsergebnisse basieren nur auf Tierversuchen an Ratten sowie auf privaten Erfahrungen, lautet eine davon. Außerdem seien die daraus abgeleiteten Therapievorschläge, nämlich Entzug von Stimulation, theoretisch zu wenig untermauert und vor allem auch gefährlich: Stimuation sei nicht kontraproduktiv, sondern elementar für die Entwicklung von sozialen, kognitiven und emotionalen Fähigkeiten. Zu Markrams Kritikern zählt auch die bekannte deutsche Autismusforscherin Uta Frith. Sie betont, dass die Empfindlichkeit für Reize bereits als Autismussymptom anerkannt ist, jedoch sowohl Über- als auch Unterempfindlichkeiten umfasse. Markrams Theorie greife daher zu kurz. Denn manche Autisten reagieren sehr stark auf Reize, andere hingegen gar nicht. Einige halten sich von manchen Reizen fern, andere suchten sie gezielt. Die Art und Ausprägung sei eben von Mensch zu Mensch unterschiedlich.