In der Schweiz gibt es die so genannte Invalidenversicherung. Bei einigen Störungsbildern, darunter ADHS, motorische Störungen, Sinnenstörungen, werden finanzielle Mittel gesprochen für therapeutische Interventionen, damit diese Menschen Schule, Berufsausbildung, berufliche Laufbahn möglichst gut schaffen. Es ist positiv, dass die Schweiz für Förderung, Therapie oder unterstützende Maßnahmen Geld bereit stellt. Außerdem kann die IV, wenn notwendig, den Beruf begleiten, indem sie Coaches oder Berater zur Verfügung stellt oder Teilzeitarbeit ermöglicht.

Weiters gibt es in der Schweiz, wenngleich nicht flächendeckend, im Bereich Informatik einige Firmen, die Autisten beschäftigen. Sie sagen: "Autistisch wahrnehmende Menschen sind gewöhnlich wahrnehmenden Menschen überlegen."

Meist werden Autisten auf analytische Fähigkeiten reduziert. Dabei betonte Hans Asperger schon vor vielen Jahrzehnten, dass viele autistische Kinder ein sehr hohes Kunstverständnis besitzen. Wird dieses heute nicht fast zur Gänze ausgeblendet?

Das wirklich Kreative, das braucht einen Schuss Autismus. Damit Neues entsteht, dazu muss man alleine sein, sich abschotten können. Neues, das noch nie gedacht und formuliert wurde, kann nicht im Dialog entstehen. Zum Thema Kunstverständnis gibt es einige Beiträge von Hans Asperger. In einem schreibt er, dass autistische Kinder zwischen Kitsch und Kunst unterscheiden können. Er meinte damit wohl, dass sich diese Kinder nicht an den Zeitgeist anpassen, sondern dass ihnen auch das gefällt, was anderen in ihrem Alter sonst wenig zusagt. Dass das Kunstempfinden also aus der Egozentrik dieser Menschen heraus erklärbar ist.

Auszug aus Hans Aspergers Habilitation.  - © J. Kerviel
Auszug aus Hans Aspergers Habilitation.  - © J. Kerviel

Von Albert Einstein, Ludwig Wittgenstein, Thomas Jefferson oder Glenn Gould nimmt man an, dass auch sie autistische Züge, wohl das Asperger-Syndrom, hatten. Weniger hört man von weniger berühmten autistischen Erwachsenen. Wie kommen sie mit dem Leben zurecht?

Es gibt eine große Gruppen von Autisten, die im Arbeitsmarkt ziemlich gewöhnlich funktionieren. Diese Menschen haben entweder zum Teil eine spezielle Begabung, haben sich Strategien angeeignet, um sozial funktionieren zu können. Dazu brauchen sie viel Energie und Vitalität. Dann gibt es unter den Erwachsenen diejenigen, die über die Invalidenversicherung gewisse Hilfestellungen bekommen. Und dann gibt es die, die "scheitern", die aus dem Arbeitsprozess heraus fallen. Manche leben sehr zufrieden ihr Leben weiter, manche können aber auch sehr unglücklich leben, sehr gestört und sehr störend.

Gibt es eine Epidemie von Autismus?

Die Epidemiologie variiert wirklich stark: Früher hieß es, zwischen zwei und sechs Menschen von 10.000 sind autistisch. Heute geht man davon aus, dass bis zu ein Prozent der Bevölkerung davon betroffen ist. Allerdings beinhaltet dieses Prozent alle, die auch nur in die Nähe kommen, wie Menschen mit autistischen Zügen.