Fest steht, dass es keine Evidenz für die Zunahme der Störung gibt, aber es gibt eine Zunahme der Diagnosen. Die Zahlen sind sicherlich auf die größere Bekanntheit des Bildes, die größere Erfahrung zurückzuführen.

Bald werden alle Typen des Autismus, wie Kanner-Syndrom oder Asperger-Syndrom, als Autismus-Spektrum-Störung zusammengefasst.

Das könnte vor allem in der Forschung sinnvoll sein. Meinem klinischen Eindruck nach braucht es aber weiterhin eine Differenzierung aufgrund von Kriterien wie Begabungsniveau, Funktionsniveau und Schwere der Störung. Dann gibt es aber auch noch die Selbstbetroffenen, die sich - entsprechend der Diagnose eines Asperger Syndroms - als "Aspie" bezeichnen und in diesem Begriff eine Zugehörigkeit gefunden haben. Ob diese Menschen das verändern wollen ist fraglich.

Immer mehr Erwachsene werden mit dem Asperger-Syndrom diagnostiziert. Worauf führen Sie diese Entwicklung zurück?

Bis vor kurzen meinten viele Erwachsenenpsychiater noch: "Das ist eine Krankheit, die geht nur die Kinderpsychiater etwas an." Es gibt einen sehr großen Nachholbedarf in dem Bereich: Erwachsenenpsychiater sahen vor allem die depressiven oder psychotischen Bilder, die Suchterkrankung oder das dissoziale Verhalten und realisierten nicht, dass darunter eine Autismus-Struktur sein konnte. Sie haben wohl alle schon autistische Menschen in Therapie gehabt, sie haben sie nur noch nicht so bezeichnet. Mittlerweile gibt es schon mehr Wissen in der Berufsgruppe, vor allem, dass die Strukturen auch im Erwachsenenalter bestehen bleiben, dass die Menschen nur gelernt haben, damit durchs Leben zu kommen.

Viele Autisten und einige Wissenschafter kritisieren bei Therapien für Autisten vor allem den behavioristischen Ansatz, der sie dazu bringen soll, sich normal zu verhalten.

Ganz schwere Fälle von frühkindlichen Autisten müssen dazu gebracht werden, dass sie die Aufmerksamkeit auf Menschen richten. Das funktioniert häufig über den verhaltenstherapeutischen Ansatz. Dieser war früher viel enger definiert als heute. Es geht darum, dass man das Kind animiert, dass es auf das, was der Therapeut oder die Mutter ihm entgegenbringt, reagiert. Aber auch später, wenn das Kind älter ist, hat der behaviorale Ansatz noch einen Stellenwert. Weil autistische Kinder auf Fakten, die eine Logik haben, reagieren. Ich meine damit den Teil der Verhaltenstherapie, der für die Kinder klar, folgerichtig und nachvollziehbar ist. Sätze wie "Das hast du schön gemacht" nutzen da wenig. Für autistische Kinder ist das Nullinformation. Hilfreicher ist, wenn gesagt wird "das war eine glatte Drei" Sie brauchen stringente, klare Reaktionen.