Autisten können Blickkontakte nicht deuten. Symbolbild: Der Falschspieler mit dem Karo-Ass von Georges de la Tour, um 1620. - © Von Bibi Saint-Pol (Diskussion · Beiträge) - Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2481840
Autisten können Blickkontakte nicht deuten. Symbolbild: Der Falschspieler mit dem Karo-Ass von Georges de la Tour, um 1620. - © Von Bibi Saint-Pol (Diskussion · Beiträge) - Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2481840

Wiener Zeitung: Autismus hat viele unterschiedlichen Bezeichnungen: Behinderung, Störung, Krankheit, andere Intelligenz, menschliche Variation, Neurodiversität. Was ist Autismus?

Maria Asperger Felder:
Ich sehe Autismus immer als ein Anderssein, als eine Besonderheit. Autismus ist ganz klar keine Krankheit sondern eine Störung, die dann Krankheitswert bekommen kann, wenn der betroffene Mensch mit den Anforderungen, die auf ihn zukommen, nicht zurechtkommt. Wenn er in unserer Gesellschaft versagt, dann kann er Komorbiditäten entwickeln.

Wie entsteht diese Störung?

Im Grunde verlaufen bei dieser Störung die Verarbeitung der Wahrnehmung und das Denken nicht so automatisch wie bei uns. Wir merken überhaupt nicht, dass wir immer und überall wahrnehmen, nämlich sehen, hören, riechen, schmecken oder etwas auf der Haut spüren. Wenn die Perzeption gestört ist, verliert der Mensch das Gleichgewicht. Es geht immer darum, dass bei Autisten Wahrnehmung störend sein kann oder überhaupt nicht ankommt, dass sie langsamer verarbeitet wird, und dass aus den einzelnen Informationen nicht so rasch wie bei uns ein Zusammenhang, ein Sinn, entsteht.

Detail einer Seite aus Hans Aspergers Habilitationsschrift aus dem Jahre 1943. - © J. Kerviel
Detail einer Seite aus Hans Aspergers Habilitationsschrift aus dem Jahre 1943. - © J. Kerviel

Welche Schwierigkeiten entstehen dadurch?

Sie betreffen die Theory of Mind, also das rasche Erkennen, was Andere meinen und fühlen, die "verminderte zentrale Kohärenz" und damit verbunden die Detailorientiertheit sowie die oft gestörte Handlungskompetenz.

Wenn Autismus keine Krankheit ist, wie kann man ihn dann behandeln?

In vielem ähnelt die Entwicklung autistischer Kinder der Entwicklung "gewöhnlicher" Kinder. Unterschiede liegen darin, dass das intuitive Ausgerichtetsein auf das Gesicht einer anderen Person nicht intuitiv vorhanden ist, dass die Imitationsfähigkeit geringer ist, dass Anderes beobachtenswert ist und beobachtet wird. Vieles, was andere Kinder einfach so lernen, muss einem autistischen Kinder anders vermittelt werden: Es ist auf verstehbar Konstruktivistisches fixiert. Dadurch lernt es anders. Man muss bei diesen Kindern daher vieles in Sprache fassen, erklären. Und man muss sie lehren, was es bedeutet, was andere Kinder, andere Menschen machen. Im Gegenzug muss man die Umgebungsmenschen ebenso belehren, wie sie mit diesen Kindern umgehen sollen, damit Stress, der bei Autisten sehr hoch ist, so niedrig wie möglich bleibt. Es geht um Lernen von Strategien. Das verstehe ich unter Therapie.