• vom 31.03.2014, 13:09 Uhr

Autismus

Update: 01.04.2014, 15:12 Uhr

Interview

Hans Asperger - "Er war Teil des Apparats"




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Neben seiner Tätigkeit als Leiter der Heilpädagogischen Abteilung der Kinderklinik war er seit 1936 Jugendarzt in der Mutterberatung der Stadt Wien, ab 1940 nebenberuflicher Schularzt im Hauptgesundheitsamt, und als Facharzt war er für die heilpädagogischen und kinderpsychiatrischen Belange an den Wiener Hilfsschulen tätig. Auch das waren Orte, wo Kinder und Jugendliche unter Umständen ausgesondert wurden und auf den Spiegelgrund kamen.

Hat er sich je über den Spiegelgrund geäußert?

Ja, und zwar 1942 in einem Aufsatz zur Jugendpsychiatrie und Heilpädagogik: "Wir glauben, dass aber allen schwierigeren Fällen nur eine länger dauernde stationäre Beobachtung gerecht wird, so wie das an der heilpädagogischen Abteilung der Kinderklinik und in der Fürsorgeanstalt am Spiegelgrund verwirklicht ist." Er nannte den Spiegelgrund in einem Atemzug mit seiner eigenen Abteilung, er erwähnte in keinem Wort die tatsächliche Funktion der Tötungsanstalt.

Mahnmal für die Kinder vom Spiegelgrund.

Mahnmal für die Kinder vom Spiegelgrund. © Wikicommons/ Haeferl Mahnmal für die Kinder vom Spiegelgrund. © Wikicommons/ Haeferl

Das wäre in dieser Publikation auch nicht möglich gewesen. Aber es ist schon interessant, dass er diese Fassade der Wissenschaftlichkeit und der medizinischen Behandlung, die vor dieser Tötungsanstalt errichtet worden ist, ein Stück weit aufrecht erhält und öffentlich verteidigt.
Außerdem war Asperger als zuständiger Facharzt der Stadt Wien auch für die Begutachtung von Kindern zur Feststellung der Schulpflicht in einer Kommission in Gugging tätig.

Gugging war eine große psychiatrische Anstalt mit einer eigenen Kinderanstalt. Dort wurden schon sehr früh im Rahmen der "T4" mehr als hundert Kinder nach Hartheim transportiert und dort vergast. Anfang 1942 waren noch 220 Kinder in der Anstalt, die begutachtet werden sollten, um sie in "noch förderungswürdig" und "nicht mehr förderungswürdig" einzuteilen. An der Kommission war auch Asperger beteiligt. Am 16. Februar 1942 wurden angeblich all diese Kinder untersucht. Ich vermute, die Kommission verließ sich mehr auf die Krankengeschichten. Insgesamt wurden 160 Kinder begutachtet, 35 wurden als "bildungsunfähig" eingestuft. Es war im Auftrag der Kommission explizit die Rede davon, dass man die "nichtbildungsfähigen" der "Aktion Jekelius" - also der Euthanasie - zuführt. Asperger war als Gutachter direkt in diesen insgesamt gesehen natürlich vielstufigen und arbeitsteiligen Prozess der Selektion und letztlich Ermordung am Spiegelgrund involviert. Das ist ein Aspekt, der bisher noch völlig unbekannt war.

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Dokument erstellt am 2014-03-29 13:19:32
Letzte Änderung am 2014-04-01 15:12:39


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