Grinker findet ferner Parallelen zu Linkshändern: Man ist nie ganz sicher, aber mit der Zeit wird man besser. An den Schilderungen über die Entwicklung seiner Tochter werden ihre, oftmals sehr kleinen Fortschritte deutlich. Ebenso wie der Kampf der Eltern gegen die Behörden. So erzählt er von den vielen bürokratischen Hürden durch Schulverwaltung, von Gerichtsverhandlungen. Dabei vergisst der Autor nicht zu erwähnen, dass Unterstützungen und Hilfe auch immer eine Frage von Klasse ist: zum einen wegen der Kosten, zum anderen auch wegen des symbolischen Kapitals: als Universitätsprofessor argumentiere es sich eben leichter, wenn es um die Förderung der Tochter geht; man werde eher gehört und ernst genommen als etwa eine Arbeiterin.

Sozial- und kulturgeschichtlicher Kontext

Studien in den USA Und Großbritannien zufolge hat ein Kind von in 150 bzw. von 160 eine Autismus-Spektrum-Störung. Die Symptome sind wohl so alt wie die Menschen. Doch erst seit es einen Namen dafür gibt, sieht man Autismus auch. So unter nimmt der Autor eine historische Reise zurück bis ins Mittelalter, um anhand alter Erzählungen mögliche Autisten aus aller Welt in Erinnerung zu rufen. Er analysiert alte und neue Filme vor allem in Bezug auf den sozial- und kulturgeschichtlichen Kontext: "Victor" von Truffaut zum Beispiel oder den südkoreanischen Film "Marathon", der in Südkorea ähnlich sensibilisierende Wirkung hatte wie in den USA "Rainman".

Asperger vs. Kanner

Auch auf die "Entdeckungsgeschichte" von Autismus geht der Wissenschafter ein, vor allem auf die Pionierarbeit der beiden österreichischen Ärzte Leo Kanner und Hans Asperger. An dieser Stelle zeigt sich jedoch eines der wesentlichen Schwächen des Buches. Zum einen erwähnt der Autor hier mit keinem Wort die russische Neurologin Ewa Sutscharewa, die nachweislich bereits vor den beiden Männern in den 1920ern Symptome von Autismus  phänomenologisch erforscht hatte. Außerdem pflanzt er die Fehlinformation weiter, der emigrierter Leo Kanner habe in den USA als erster autistische Zustandsbilder beschrieben. Man weiß, dass es umgekehrt war, und dass Kanner, wohl angeregt durch Aspergers Studien in Wien, zu ähnlichen Fallstudien angeregt wurde.

Diese Ungenauigkeit mag vielleicht kleinlich klingen, aber von einem Wissenschafter und Universitätsprofessor könnte man schon mehr Gewissenhaftigkeit verlangen.

"Kühlschrankmütter"

Ferner geht Grinker nicht darauf ein, das Verständnis der diagnostischen Einordnung sich in der Zwischenzeit geändert hat. Zwar besitzen die von Asperger beschriebenen Zustandsbilder nach wie vor Gültigkeit, doch rund ein Drittel aller Fälle, die der Heilpädagoge Zeit seines Lebens mit dem Etikett "autistische Psychopathen" versah, würde heute nicht mit dem Asperger-Syndrom, sondern mit anderen Störungen innerhalb des Autismus-Spektrums diagnostiziert werden.

Stellenweise witzig zu lesen sind vor allem die gegenseitigen Vorurteile zwischen Amerikanern und Franzosen in Sachen Psychoanalyse und Psychotherapie, die Grinker anführt. Denn in der Grande Nation wurde bis 2004 Autismus noch als Psychose, als Resultat einer nicht gelungenen Entkoppelung und einer angeblichen emotionslosen, kalten Mutter, klassifiziert. Frankreich sei eben nach wie vor stark von Lacan geprägt, den zwar viele lesen, aber wenige verstehen, scherzt er. Das Stereotyp der Kühlschrankmütter sei bei der Suche nach den Ursachen von Autismus aber auch in Südkorea weiterhin stark verbreitet. Dort übt die Gesellschaft einen großen Druck auf Mütter aus, wenn Kinder nicht so erfolgreich sind, wie es viele gerne hätten.