Dies ist ein nur Beispiel der vielen Schwierigkeiten, Menschen zu treffen. Die benötigte Distanz für tagtägliche Interaktionen wird meistens falsch interpretiert - als Arroganz, Selbstgefälligkeit, Verachtung, Unaufrichtigkeit, pathologische Schüchternheit, …. Und da die Ursachen für diese Fehlfunktion nicht sichtbar sind, wird man als "normale" Person, die sich unangemessen verhält, angesehen: Die externen Indizien des Asperger-Syndroms stehen für viele Dinge – nur nicht für Autismus.

Zusätzlich multiplizieren sich diese Missverständnisse wegen vieler anderer typischen Behinderungen: die Unfähigkeit, ein "Standard"-Gespräch zu führen oder die Stimme des Gesprächspartners vom Umgebungslärm zu unterscheiden, die Schwierigkeit, Blickkontakt herzustellen, etc – allesamt hervorgerufen durch Übersensibilität.

Übersensibilisierung

Nichtautistische Menschen merken nicht, wie aufdringlich sie durch ihr Verhalten sind. Indem sie bei Interaktionen integrierte Codes verwenden, haben sie die Sensibilität verloren, was sie verursachen. Sie nehmen davon nur sehr wenig wahr. In dieser Hinsicht würde ich sagen, dass ich mich Tieren viel näher fühle: die geringste Bewegung, das leistete Geräusch, ungewohnte Gerüche rund um mich werden – unbewusst oder nicht – als potentielle Gefahr wahrgenommen.

In Gegenwart von Personen, deren Verhaltensmuster ich nicht kenne, fühle ich mich permanent bombardiert. Eine Person, die in meinen "privaten" Bereich eindringt, genügt, um in mir eine innere Spannung zu erzeugen, die mir ziemlich viel Kraft raubt. Wahrscheinlich ist das ein frühes Warnsignal, das ich in Situationen, mit denen ich nicht zurechtkomme, entwickelt habe.

Aber offensichtlich hat es auch mit der Übersensibilisierung meiner Sinne zu tun, oder, genauer gesagt, mit dem Mangel an Filtern. Nichtautistische Menschen besitzen für gewöhnlich Wahrnehmungs- und kulturelle Filter, von denen sie nicht mal etwas wissen und durch die sie sich an ihre Umwelt anpassen. Umgebungslärm, Gerüche, Licht nehmen sie dadurch nicht direkt wahr. Im Gegensatz dazu erreicht Autisten alles sehr intensiv.

Diese Übersensibilisierung ist aber nicht nur auf die fünf Sinne beschränkt. Auch Emotionen verharren immer am Maximum, nicht nur die eigenen: Die Vorstellung, dass Autisten einen Mangel an Empathie hätten, ist einfach falsch. Im Gegenteil: Werden die Emotionen anderer wahrgenommen, so ist dies intensiv, überwältigend intensiv. Und dann ist man generell nicht in der Lage, in dem Moment zu reagieren. Aus der Außenperspektive sieht das dann sicherlich wie kein Empfinden aus.

Es gibt mehr und mehr Studien, die zeigen, dass Autismus keine Blindheit anderen gegenüber anhaftet, sondern sich durch eine zu starke Wahrnehmung des anderen manifestiert - eine generelle Übersensibilisierung die dazu führt, dass Autisten den äußeren Stimulus durch Rückzug vermindern oder abbrechen. Ob diese Beschreibung global gültig ist, kann ich natürlich nicht sagen. Ich finde diesen Ansatz allerdings sehr zutreffend.