• vom 17.06.2014, 17:20 Uhr

Autismus

Update: 17.06.2014, 17:39 Uhr

Theaterkritik

Begreifen mit einer anderen Art Kopf




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Von Hans Haider

  • Das Volkstheater zeigt zum Saisonschluss das Autistendrama "Supergute Tage" von Simon Stephens.

Halbwegs glücklich: Matthias Mamedof als Autist.

Halbwegs glücklich: Matthias Mamedof als Autist.© C. Sebastian Halbwegs glücklich: Matthias Mamedof als Autist.© C. Sebastian

Familiendrama, Krankenreport. Auch Tadel und Lob für herrschende Institutionen. Deutlicher als Polizei, Schule, Kirche versagen Eltern und Nachbarn im Umgang mit Auffälligen im Schulkindalter. Nicht nur in der englischen Provinz, wo Jung-Christopher im Vorgarten den geliebten Hund der Nachbarin gemetzelt findet und zu fahnden beginnt. Der scheinbar allsorgende Vater wird den Hundsmord gestehen. Die fehlende Mutter wird er wiederfinden - sie ist nicht tot, wie man ihm weisgemacht hat. Sondern mit einem Galan nach London abgepascht.

Dass der Held in "Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone" noch dazu unter der Asperger-Variante des Autismus leidet, macht ihn besonders bedauernswert. Ihn plagen Ängste vor gelben Autos, seine Panikanfälle verschärfen sich zu Veitstänzen. Aber - und hier wird nicht zu knapp der humane Zeigefinger gehoben: Autisten haben besondere Fähigkeiten in mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern; sie begreifen anders, aber bisweilen genauer.


Aus dem Erfolgsroman "The Curious Incident of the Dog in the Night-Time" baute der vielgespielte Engländer Simon Stephens ein Nacherzählungsspiel. Darin steuert eine "Lehrerin" vom Rand der Bühne aus die Raserei in Christophers Kopfwelt. Das Quadrat der Spielfläche ist spitz in den Zuschauerraum gerückt, auch die beiden überhohen Wände bedeckt ein strenges Raster aus 50 x 50 Zentimeter großen Quadraten. Gleich Bildschirmzellen für ein Tetris-Spiel, in welchem immer schneller abnorme geometrische Formen in eine ansehnliche Ordnung gebracht werden müssen. Anpassungsdruck - metaphorisch.

Der junge Regisseur Matthias Kaschig und sein Bühnenbauer Michael Böhler zeigen, verliebt in ihr allbeherrschendes Quadratmodul, Christophers Kopf-Innenraum unorganisch, technizistisch. Also gewiss einseitig. Videos (von Francis Eggert, Vera Knab) suggerieren rasende Fahrten durch Sphärenräume und U-Bahn-Tunnels, Tetris-Figuren purzeln zweimal glatt und dreimal verkehrt, Smilies posieren für Christophers Gefühle.

Ohne Überraschungen
Kein realistischer Spielplatz. Er verführt zu manch billigem Effekt, wenn sich etwa Darsteller Quadratkästen über den Schädel stülpen. Innenwelt kann immer nur mangelhaft in die Außenwelt projiziert werden. Hier verblüfft, ja fesselt lange die Kulisse. Dann hat sie sich selber entzaubert.

Auch einem starken Jungen wie Matthias Mamedof kostet die Pathos-Rolle sichtlich viel Kraft. Exaltation zum Quadrat. Hochgezogene Schultern zeigen Verlegenheit, Angst. Doch rasch wechselt er in souveräne Posen, wenn er mit großen Zahlen kopfrechnet. Zwei lange Stunden ist er die Achse, die er selber dreht. Die Figuren um ihn herum erscheinen ihm in seinem Zustand surreal. Aber sie überraschen nicht. Was sagt der Ordnungshüter? "Du weißt, dass man Polizisten nicht schlagen darf!"

Der kranke Christopher ist unter die Erzieher gefallen. Einmaschig gestrickt der biedere Vater, (Patrick O. Beck). Annette Isabella Holzmann als blond-elegante Lehrerin doziert im Conference-Ton des Lehrerzimmers. Claudia Sabitzer und Thomas Bauer verwandeln sich ein Dutzend Mal zu Typen, wie sie jeder kennt. Erst wenn hoch oben in der Quadratlwand Martina Stilp als Mutter erscheint, kommt Fleisch und Blut in die Staffage. Ihre Nervenkrisen tönen wahrlich groß. Bis sie heim in die Provinz kommt - wo Christopher mit dem Vater und einem neuen Hund halbwegs glücklich wird.

Theater
Supergute Tage
Volkstheater, Wh.: 23. Juni




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Dokument erstellt am 2014-06-17 17:23:07
Letzte Änderung am 2014-06-17 17:39:28


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