Beim Autostoppen fühlte man sich wie ein Stöckchen im Fluss. Man warf sich in den Verkehrsstrom, und der trug einen fort. Nur mit Glück kam man geradewegs ans Ziel. Mitunter geriet man auf Abwege, in Sackgassen oder wurde weit abgetrieben. Das Tempo war stets unbestimmt, selten ging es schnell, oft genug war man zu den Exerzitien der Langsamkeit verdammt: Warten, vor sich hin dämmern, träumen.

Einmal landeten wir im Auto einer Dame und saßen in den zerschlissenen Plastiksitzen gleich wie auf glühenden Kohlen. Die Dame war mittleren Alters, und das mittlere Alter begann für uns damals ab etwa 25. Sie hatte einen Schulfreund und mich in den Sommerferien auf der Südstrecke aufgelesen. Sie war Jugoslawin, unterwegs in Richtung Jugoslawien. Allerdings sprach sie kein Deutsch, und das war sehr ungewöhnlich damals, in den späten Siebziger Jahren. Sie fuhr sehr konzentriert, doch die Tachonadel kletterte nie höher als bis zur Fünfziger-Marke. Was auch daran lag, dass sie zwar ordentlich Gas gab, aber nur den zweiten Gang benutzte. Und zwar immer.

Wenn Sie im zweiten Gang anfuhr, ruckelte zunächst das Auto und dann gleich auch der eigene Kopf. Von außen muss das ausgesehen haben wie eine kollektive Grußübung. Jenseits der Vierziger-Marke schepperten die Ventile erbarmungswürdig, der ganze Motor orgelte und heulte, als hätte er unsägliche Schmerzen. Das einzige Fahrzeug, das wir auf hundert Kilometern überholten, war ein Traktor. Ansonsten bildeten wir ein Verkehrsärgernis, das bei den Überholenden die im Straßenverkehr bis heute üblichen Gesten für den Ausdruck tief empfundener Despektierlichkeit abrief: Auf die Stirne tippen, Faustschwingen, einmal über das Gesicht wischen, hin und zurück. Der gestreckte Mittelfinger kam erst später in Mode. Die Aggressions-Symptomatik hatte vielleicht auch damit zu tun, dass der Wagen ein jugoslawisches Kennzeichen trug, damals galten die Leute jenseits der Südgrenze als Hauptgefahr für die kultivierte österreichische Lebensweise.

Wir haben nicht herausgefunden, warum sie uns mitnahm. Vielleicht wollte sie einfach nicht alleine sein in dem offensichtlich defekten Wagen, während sie so demütigend langsam gen Spielfeld schleichen musste. Vielleicht hatte sie sich auch gedacht, dass es nicht schlecht wäre, zwei Begleiter parat zu haben, falls das Getriebe schmolz und der Wagen geschoben werden musste. Jedenfalls haben wir damals im jugendlichen Gewitzel über das Fahrtempo der Dame einen Spruch geboren, der bei uns nunmehr alten Freunde bis heute zuverlässig ein Lächeln triggert: "Kannst ja aussteigen, wenn dir etwas nicht passt." - "So eilig habe ich es wieder auch nicht."