• vom 10.02.2017, 16:21 Uhr

Berlinale

Update: 14.02.2018, 13:03 Uhr

Nachlese 2017

Politik ist Kunst




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Von Matthias Greuling

  • Die Berlinale will ihrem Ruf als politische Filmschau in diesem Jahr besonders intensiv nachkommen.

Meistbeschäftigter französischer Schauspieler: Reda Kateb als Django Reinhardt.

Meistbeschäftigter französischer Schauspieler: Reda Kateb als Django Reinhardt.© Berlinale Meistbeschäftigter französischer Schauspieler: Reda Kateb als Django Reinhardt.© Berlinale

Berlin. Sie gilt als die wichtigste Veranstaltung für den politischen Film in der internationalen Festivallandschaft: Die Berlinale ist immer schon hochpolitisch gewesen und hat sich gerne eingemischt. Das liegt auch an ihrer geografischen Lage am ehemaligen Schnittpunkt zwischen Ost und West, an einer Grenzlinie, die todbringend war und deren Mauern schließlich eingerissen wurden. Wenn sich jemand politisch äußern will, dann ist er auf der Berlinale goldrichtig.

Das gilt insbesondere in Zeiten, in denen anderswo auf der Welt wieder große Mauern errichtet werden sollen - und so blieb auch die Eröffnung der 67. Berlinale nicht frei von gar nicht so versteckter Trump-Kritik, wenngleich hier Gleiches nicht mit Gleichem vergolten wird: Die Damen und Herren in Berlin beherrschen das diplomatische Parkett noch und äußern sich distanziert, fast zu zaghaft. Aber es ist als Gegenwehr zum polternden US-Präsidenten dieser Tage schon fast wieder eine Wohltat, hier alte, versöhnliche und fast schon zweckoptimistische Floskeln zu vernehmen wie "Vielfalt der Kunst statt Einfalt des Populismus".


Der ewige Hut-mit-Schal-Träger
Die 67. Berlinale, die bis 19. Februar fast 400 neue Filme zeigt und dabei auf einem Wettbewerb mit 18 Titeln um den Goldenen Löwen fußt, hat sich den Ruf als politische, ja aktionistische Veranstaltung nicht zuletzt durch den ewigen Hut-mit-Schal-Träger Dieter Kosslick erarbeitet, der seit 2002 die Filmschau leitet. Kosslick ist dieser joviale Typ mit Schmäh, den eine Filmschau wie die Berlinale einfach braucht. Er ist so sympathisch, dass Kritikpunkte gegen seine Regentschaft fast schon haltlos erscheinen.

Zum Beispiel hat man Kosslick vorgeworfen, nach dem Starvehikel aus dem Vorjahr, das als Eröffnungsevent auserkoren wurde ("Hail Caesar!" von den Coen-Brüdern mit George Clooney) den eher stararmen Debütfilm "Django" von Erstlingsregisseur Etienne Colmar auserkoren zu haben. Die Kritik ist schon berechtigt: Das ist nicht der Glamour, den mancher sich von der Berlinale wünscht. Ein schlichtes, stimmiges, manchmal arg langatmiges, aber gut besetztes Bio-Pic des Sinti-Musikers Django Reinhardt, der mit seinem Gypsy-Swing als Wegbereiter des europäischen Jazz galt. Doch waren seine Klänge in den Ohren der Nazis bloß "Negermusik". Weshalb sie ihm in der Pariser Besatzungszeit Anfang der 40er Jahre das Leben schwermachten und ihn zugleich für Auftritte nach Deutschland zu locken versuchten, weil ihn die Massen bei seinen ausverkauften Konzerten so liebten. Der Trumpf des Films ist sein Hauptdarsteller Reda Kateb, einer der im Augenblick meistbeschäftigten französischen Schauspieler. Kateb, der algerische Wurzeln hat, spielte unter anderem in "Zero Dark Thirty" oder "Ein Prophet" mit und ist der Hauptdarsteller von Wim Wenders aktuellem Film "Die schönen Tage von Aranjuez". Ohne ihn wäre dieser Film wohl verunglückt, denn es ist seine Verve in Gestus und Gewandtheit, die die Figur letztlich glaubhaft macht.

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Dokument erstellt am 2017-02-10 16:26:15
Letzte Änderung am 2018-02-14 13:03:26



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