• vom 12.02.2017, 10:01 Uhr

Berlinale

Update: 14.02.2018, 13:02 Uhr

Nachlese 2017

Hader ist ein Zirkuspferd




  • Artikel
  • Fotostrecke
  • Lesenswert (21)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Matthias Greuling aus Berlin

  • Josef Haders erste Regiearbeit "Wilde Maus" feierte Samstag Abend seine Premiere bei der Berlinale.

Josef Hader blödelt mit Jörg Hartmann. - © Katharina Sartena

Josef Hader blödelt mit Jörg Hartmann. © Katharina Sartena

Berlin. Josef Hader ist tapfer. Friert im dünnen Anzug am roten Teppich zu Berlin bei Minus 3 Grad, da nützt auch die aufgestellte Wärmelampe nichts. "Aber das ist halt so, wenn man hier einen Film vorstellt: Man wird drei Tage als Zirkuspferd von einem Termin zum nächsten gebracht", lacht Hader, der die frostige Interview-Tortur am nächtlichen roten Teppich mit Bravour übersteht.

Für Hader geht es ja auch um einiges. Die Berlinale hat seine erste Regiearbeit, zu der er auch das Drehbuch verfasst hat und in der er selbst die Hauptrolle spielt, gleich in den Wettbewerb aufgenommen, sozusagen der Ritterschlag für alle Erstlingsfilmer. "Wilde Maus" heißt das gute Stück, und es ist eine Mischung aus Komödie und Drama geworden, die Hader hier serviert: Ein soeben entlassener Musikkritiker einer Wiener Tageszeitung (Hader) verschweigt seiner Frau (Pia Hierzegger) den Jobverlust und streunt stattdessen durch den Wiener Prater, wo er gemeinsam mit einem Strizzi (Georg Friedrich) eine alte Achterbahn, die titelgebende "Wilde Maus", neu eröffnet. Zugleich unternimmt er von Rachegedanken getriebene Aktionen gegen den Chefredakteur, der ihn gefeuert hat.

"Wilde Maus" kann die Erwartungen an eine unterhaltsame Tour de force gegen den ehemaligen Arbeitgeber voll und ganz erfüllen; Hader inszeniert erstaunlich gelassen und setzt auf die Natürlichkeit seines Darstellerensembles, zündet dann und wann lakonische Pointen und webt dem Plot eine aktuelle, gesellschaftspolitisch relevante Ebene ein: "Es geht um einen Mann aus dem Mittelstand, eigentlich um eine neue Bürgerlichkeit, und wie diese mit dem Verlust der Existenzgrundlage bedroht wird", sagt Hader, der in Berlin sein Ensemble, Pia Hierzegger, Georg Friedrich und Nora Waldstätten im Schlepptau hatte.

Wie das ist, erstmals selbst Regie zu führen? "Anstrengend", gibt Hader zu, "und ich wusste davor nicht, wie ich das machen sollte, aber auch danach wusste ich nicht mehr, wie ich es gemacht habe".

Die Fans des gewohnt trockenen Kabarettisten Josef Hader kommen bei "Wilde Maus" jedenfalls voll auf ihre Kosten, und was die Premiere bei der Berlinale im Wettbewerb angeht, gibt sich Hader entspannt. "Wir haben es überraschend in den Wettbewerb geschafft, aber ich denke, das war es dann auch. Ehrlich, ich bin sehr froh über diese Auszeichnung". Ob das deutsche Publikum wohl auch alle Gags aus "Wilde Maus" verstehen werden, trotz der wienerischen Sprache? "Wir haben uns bemüht, ordentlich zu reden", lacht Hader. Und hatte vor der Premiere einen Trost für alle, die des Wienerischen doch nicht mächtig sind. "Es gibt hier auch englische Untertitel".





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-02-12 10:02:35
Letzte Änderung am 2018-02-14 13:02:18



Werbung



Foxtrot

Die auf der Stelle treten

Die israelische Armee steht im Mittelpunkt von Samuel Maoz’ aufwühlendem Drama "Foxtrot". - © Polyfilm Die zwei Soldaten, die bei Michael (Lior Ashkenazi) und Dafna Feldman (Sarah Adler) klingeln, werden gleich schlechte Nachrichten überbringen... weiter




Filmstart

Klischee-Parade

Hausfrau und Mutter Deanna (Melissa McCarthy) möchte mit einem College-Abschluss ihr Selbstwertgefühl verbessern. - © Warner Bros Ganz ehrlich, wer will schon mit seiner Mutter eine Party feiern, die über Familien-Geburtstagsfeste hinausgeht? Und gar an der Uni und im Campus... weiter




Filmkritik

Wie man das Sterben plant

Zwei Schwestern: Ines (Alicia Vikander, links) begleitet Emilie (Eva Green) während ihrer letzten Lebenstage in der Sterbeklinik. - © Filmladen Mitten im Wald, gut versteckt und nur per Hubschrauber zu erreichen, liegt das malerische Anwesen, in dem die beiden Schwestern Ines (Alicia Vikander)... weiter






Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Gib das Schauferl her!
  2. achtung!
  3. Im Waggon zum Schützengraben
  4. Die Bücher für den Sommer
  5. Die Blumen der Violetta
Meistkommentiert
  1. achtung!
  2. Aufmüpfig, nicht getröstet!
  3. "Eine große Frau mit Haltung"
  4. Erhabenes inmitten der Weinreben
  5. Der kristalline Kältetod der Perfektion

Sean Godwells Entwurf einer Kapelle erinnert beim ersten Auftritt des Vatikans auf der Architekturbiennale in Venedig auf den ersten Blick an einen aufklappbaren Würstelstand.

Shepard Fairey vor seinem Mural am Wiener Flughafen. Eleni Foureira aus Zypern während ihres Probe-Auftritts in Lissabon. 

Fritz G. Mayer, Fritz Wotruba, Kirche zur Hl. Dreifaltigkeit, Außenansicht, Wien 23, 1974–1976. Das Siegerfoto mit dem Titel "Venezuela Krise", es zeigt einen 28-jährigen Mann mit brennendem Oberkörper während heftiger Proteste gegen Präsident Nicolas Maduro in Caracas im Mai 2017. 


Werbung