Verdient ein Bauwerk der Moderne monströs genannt zu werden, dann die Mauer in Berlin. Die Menschenleben, die sie kostete, und die Gewalt, die sie verkörperte, haben in konkreter Weise Schuld begründet. Das ist die eine Ebene der Betrachtung. Es gibt aber auch eine zweite, abstraktere. Hier verschmilzt Stadtgeschichte mit Weltpolitik, in der Berlin jahrzehntelang ein einzigartiger Part zufiel. Auf dieser Ebene erscheint der Mauerbau als kühl kalkulierter Schachzug in einem Poker, dessen Regelwerk selbst der Inbegriff des Monströsen war. Hätte das Scheitern gewaltfreier Konfliktaustragung doch unverzüglich apokalyptische Formen des Kriegführens heraufbeschworen.

Tauziehen um die Stadt

Warum gerade Berlin? Weil das Tauziehen um die Stadt an Zählebigkeit alles übertraf, was sonst zwischen West und Ost strittig war. Ähnlich dramatisch verlief nur die kubanische Raketenkrise vom Herbst 1962, aber sie konnte viel schneller unter Kontrolle gebracht werden. In Europa erreichte kein anderer Streitherd dieselbe Brisanz. Zweimal entbrannten Weltkrisen um Berlin. Die Sommermonate 1948 und 1961 registriert die Zeitgeschichte als aufreizendes Muskelspiel, als Gestik des Drohens und Einschüchterns, als Nervenkrieg bis dicht an den Schießkrieg. Es waren Lehrstücke sicherheitspolitischer Interessenwahrung in der Ära des Kalten Krieges.

Ausgelöst hat die Berlinkrisen beide Male die Sowjetunion mit frontalen Attacken auf den Status der Stadt. Im Jahr 1948 war es die Blockade, die Unterbrechung der Verkehrswege zwischen den westlichen Besatzungszonen Deutschlands und den Westsektoren Berlins, zehn Jahre später das sogenannte Chruschtschow-Ultimatum, die Ankündigung, Westberlin zu einer "entmilitarisierten Freien Stadt" zu machen. Das hieß lapidar: Amerikaner, Engländer, Franzosen hätten die Stadt zu verlassen, bei Nichtbefolgen drohe der unfriedliche Hinauswurf. Die rüde Art des Vorgehens ist der östlichen Vormacht als Ausdruck systembedingter Aggressivität ausgelegt worden. Aber diese Erklärung übersieht, dass sich die sowjetische und die westliche Berlinpolitik an Unnachgiebigkeit kaum nachstanden. Jede Seite verfolgte Interessen, die sie als existentiell für ihre Sicherheit und deshalb als nicht kompromissfähig erachtete.

August 1961, Bernauer Straße, Berlin: Arbeiter errichten die neue Sektorensperre. - © dpa/A9999 DB dpa
August 1961, Bernauer Straße, Berlin: Arbeiter errichten die neue Sektorensperre. - © dpa/A9999 DB dpa

Das gespaltene Europa

In der ersten Krise, drei Jahre nach Kriegsende, ging es um die endgültigen Einflussgrenzen in Europa. Die Spaltung des Kontinents war schon vollzogen. Nun begannen die Siegermächte, den Teil Europas, der ihrer faktischen Kontrolle bereits unterstand, auch institutionell an sich zu binden. Darüber geriet die Sowjetunion ins Hintertreffen: Die Westalliierten machten sich an die Gründung der Bundesrepublik. Drei statt vier Besatzungszonen zusammenzufügen, zu dritt statt zu viert darüber zu entscheiden, widersprach aber allem, was man vorher gemeinsam unterschrieben hatte. Der entstehende westdeutsche Teilstaat, soviel war absehbar, würde die Zahl der Gegner der Sowjetunion vermehren. Sie benutzte den Hebel Berlin, um die ihr nachteilige Entwicklung zu behindern und möglichst abzuwenden.

Zehn Jahre später hatte sich die europäische Szenerie gewandelt. Die Blockbildung war abgeschlossen, die Absicherung der Besitzstände zum neuen Inhalt des Ost-West-Konflikts geworden. Deutschland, zweigeteilt, stand wieder unter Waffen und unter dem Patronat der Führungsmächte der beiden verfeindeten Allianzen. Zwischen ihnen schwelte der Subkonflikt um Berlin. Die Bundesrepublik betrachtete ihren verletzlichen Außenposten als Prüfstein für die Glaubwürdigkeit der amerikanischen Bindung an Europa. Die USA sahen darin den Kitt zwischen Bonn und der NATO. Beiden galt die westliche Teilstadt als unaufgebbar.

Für die DDR und ihre Schutzmacht hingegen bildete sie einen mehr als unbequemen Fremdkörper - freier, offener, wohlhabender, deshalb anziehend für die Menschen im Sozialismus. Jährlich verließ die Einwohnerzahl einer mittleren Großstadt - Rostock oder Erfurt - die DDR, über zweieinhalb Millionen Menschen seit der Staatsgründung, rund 15 Prozent der Bevölkerung, zur Hälfte jünger als 25 Jahre. Sie gingen über Westberlin. Wie dieses Schlupfloch zu stopfen sei, war in Wahrheit das Thema der zweiten Berlinkrise, wenn man es auch nur hinter vorgehaltener Hand so aussprach.

Die Luftbrücke

Als 1948 die sowjetische Militärverwaltung die Baufälligkeit der Elbbrücken bei Magdeburg zum Vorwand der Berlin-Blockade nahm, trat der Oberkommandierende der US-Streitkräfte in Deutschland, General Lucius D. Clay, für die "Instandbesetzung" der Autobahn ein. Technische Probleme seien technisch lösbar, also könnten amerikanische Pioniere den Schaden reparieren. Dass er selbst nicht mit einem reibungslosen Verlauf der Aktion rechnete, zeigte sein Vorschlag, dem Bautrupp Geleitschutz beizugeben, in Regimentsstärke mit Infanterie- und Panzerabwehrwaffen.

Darüber gerieten sich Clay und sein Präsident in die Haare. Unter Hinweis auf die Kriegsgefahr und die mangelnde Vorbereitung der USA auf einen globalen Konflikt lehnte Harry S. Truman Clays Plan ab. Er bevorzugte die aufwendigere, aber weniger riskante Demonstration technischer Leistungsfähigkeit: Man überflog das Hindernis und versorgte die Millionenstadt aus der Luft, volle zehn Monate lang.