Zugleich ließ er acht Staffeln B 29-Bomber über den Atlantik verlegen. Maschinen dieses Typs hatten 1945 die Atombombenangriffe auf Hiroshima und Nagasaki geflogen. Nun reichte von den neuen Stützpunkten aus ihr Einsatzradius über die gesamte europäische Sowjetunion. Die Botschaft war überdeutlich. Seinem Tagebuch vertraute Truman an: "Forrestal, Bradley, Vandenberg berichteten mir von Basen, von Bomben auf Moskau, auf Leningrad u.s.w. Ich habe das schreckliche Gefühl, dass wir einem Krieg sehr nahe sind."

Mochte 1948 die nukleare Unverwundbarkeit der Vereinigten Staaten noch als Trumpfkarte gelten, so war dieser amerikanische Vorteil während der zweiten Berlinkrise dahin. Ende der fünfziger Jahre entstand das sogenannte atomare Patt. Von da an verfügte die Sowjetunion zusätzlich zu ihren Atomwaffen auch über Trägermittel interkontinentaler Reichweite. Das sowjetische konventionelle Übergewicht in Europa wurde nicht länger in Schach gehalten von den strategischen Kernwaffen der USA, sondern diese nun ihrerseits durch jene der UdSSR. Formal herrschte Waffengleichheit, aber es war die Gleichheit gelähmter Riesen. Nur verbal bestanden noch Spielräume, und es entwickelte sich ein Dialog des lautstarken Bluffs.

Druck und Gegendruck

Anfang Juni 1961 bedeuteten sich die Führer der beiden Supermächte bei ihrem Treffen in Wien unverblümt die Bereitschaft zum Krieg gegeneinander. Drohgebärde folgte auf Drohgebärde. Zwei denkwürdige Fernsehansprachen glichen sich bis in die rhetorischen Figuren. Kennedy am 25. Juli: "Wir wollen den Kampf nicht, aber wir haben schon gekämpft." Chruschtschow am 7. August: "Wir wollen keinen Krieg, aber unser Volk fürchtet sich nicht vor Prüfungen."

Nur Wahnsinnige, so pflegte Chruschtschow zu poltern, könnten eines anachronistischen Privilegs wegen den Dritten Weltkrieg riskieren. Das "anachronistische Privileg" meinte die westalliierte Anwesenheit in Berlin. Dieses Privileg, das auf originärem Siegerrecht beruhe und deshalb keines sei, so regelmäßig die amerikanische Entgegnung, verbürge die Freiheit Westberlins und werde gegebenenfalls mit hohem Mitteleinsatz verteidigt.

"Hoher Mitteleinsatz" war die diplomatische Umschreibung für die amerikanische Nukleargarantie Berlins, d.h. für die Zusicherung an die Bonner Regierung und den Westberliner Senat, ein Vorgehen gegen den Westteil der Stadt bis hin zum Einsatz von Atomwaffen zu kontern. Man übertreibt nicht, wenn man von einer zum Zerreißen gespannten Lage spricht.

Wie hätte der amerikanische Präsident reagiert, wäre es, wie von Moskau angedroht, zu einer neuerlichen Berlinblockade gekommen, diesmal einschließlich der Luftwege? Wir kennen die Antwort nicht, und es ist müßig, darüber zu spekulieren. Allerdings kannte in jenem Krisensommer 1961 auch von den Verantwortlichen im Kreml niemand die Antwort. Bestand für Washington kaum eine realistische Aussicht, die sogenannte Nukleargarantie einzulösen, dann bestand für die Sowjetunion kaum ein realistisches Wagnis, die Garantie zu missachten. Aber "kaum ein Wagnis" bedeutet nicht "überhaupt kein Wagnis", jedenfalls nicht an der Schwelle zum Atomkrieg.

Wie die Moskauer Führung das Risiko einschätzte, lässt sich zuverlässig folgern: Sie setzte die "entmilitarisierte Freie Stadt", die "selbständige politische Einheit Westberlin", die Blaupausen ihrer politischen Berlin-Offensive seit Herbst 1958, nicht einseitig ins Werk. Stattdessen gab Chruscht-schow grünes Licht für den Mauerbau. Er wählte, wie vor ihm Truman, den ungefährlicheren, aber kostspieligeren Ausweg. Denn teuer war auch die Mauer - nicht in Dollar, wie die Luftbrücke, wohl aber in der gleichfalls knappen Währung internationalen Ansehens.

Beigetragen zum glimpflichen Ausgang der Krise hat die unmissverständlich klare Markierung dessen, was die westliche Berlinposition ausmachte. Die drei Kernforderungen Kennedys - westalliierte Anwesenheit, freier Zugang, Lebensfähigkeit - bezogen sich auf Westberlin und seine Bürger, nicht auf Ostberlin und dessen Bewohner. Der Fortbestand freier Bewegungsmöglichkeiten in ganz Berlin befand sich nicht darunter. Seit Verkündung der Forderungen stand am Brandenburger Tor eine unsichtbare Warntafel. Sie trug die nach Osten weisende Aufschrift "Nukleare Schwelle". Exakt an dieser Stelle wuchs die Mauer, aber keinen Fußbreit darüber hinaus.

Die Massenvernichtungswaffen, sagt die Abschreckungstheorie, sollen von Aggressionen dadurch abhalten, dass die Wahrscheinlichkeit ihres Einsatzes unkalkulierbar ist und das Ausmaß des möglichen Schadens untragbar. Die beiden Weltkrisen um Berlin zeigen anschaulich, wie Abschreckung während der Ost-West-Konfrontation funktionierte. Jede Seite erstrebte ein Höchstmaß eigener Zielverwirklichung, zugleich bemüht, die Risikobereitschaft des Gegners auszuloten, ohne den Bogen zu überspannen.

Zurückhaltung

Je zweimal standen Washington und Moskau vor der Wahl, die Krise zu verschärfen oder Zurückhaltung zu üben. Jedesmal haben sie darauf verzichtet, ihre politischen und militärischen Optionen voll auszuschöpfen. Das gilt für Trumans Entscheidung im Juni 1948, den Landzugang nach Berlin nicht zu erzwingen, für Stalins Entscheidung im September 1948, die Versorgung der Westsektoren auf dem Luftweg nicht zu unterbrechen, für Chruschtschows Entscheidung im August 1961, die Unterstellung Westberlins unter eigene Kontrolle nicht durchzusetzen, und für Kennedys Entscheidung im selben Monat, die Sperranlagen zwischen den beiden Stadthälften nicht niederzureißen.