Am Rande des Abgrunds erwiesen sich die Luftbrücke und der Mauerbau als Notnägel gegen den Absturz. Jeder Berliner, der Zeuge dieser dramatischen Vorgänge war, wird es anstößig finden, die beiden Aktionen auch nur in einem Atemzug zu nennen: Menschen mit dem Lebensnötigsten zu versorgen und Menschen hinter Stacheldraht einzuschließen - in der Tat, dazwischen liegen Welten.

Aber die Politik der Krisenbewältigung im Nuklearzeitalter folgte nun einmal keinem moralischen Prinzip. Ihr Geschäft war die Suche nach dem rettenden Ausweg zwischen Kapitulation und Katastrophe. Der Erfolg hing davon ab, dass eine Handvoll Entscheidungsträger unter extremer Anspannung Nerven und Augenmaß bewies. Sich die Alternative vorzustellen, wäre schwärzeste Fiktion. Allerdings, so hat Henry Kissinger einmal gefragt, ist nicht auch die Verhütung des Krieges ein moralisches Prinzip?

Berlin ist wiedervereint, Europa nicht mehr gespalten. Neue Brandherde rücken den monströsen Abschreckungsfrieden von einst in ein nostalgisches Licht. Das Horrorbild des Dritten Weltkriegs, dem etliche Male die zweigeteilte Welt nur knapp entkam, verblasst. Aber auch die positiven Erfahrungen, die es ebenfalls gab, entschwinden dem Gedächtnis. Nicht erst mit dem Fall der Mauer, sondern schon zehn Jahre nach ihrem Bau nahm die Konfliktgeschichte Berlins eine unverhoffte Wendung. Im Viermächte-Abkommen von 1971 bestätigte die Sowjetunion völkerrechtlich bindend die drei amerikanischen Mindestforderungen, deren stillschweigende Respektierung 1961 genügt hatte, den direkten Zusammenstoß zu vermeiden.

Damit war der mögliche Anlass unkontrollierter Kriseneskalation politisch entschärft. Die Zeitbombe hörte auf zu ticken, die Lunte am atomaren Pulverfass erlosch. Auch die Entspannungsdiplomatie der siebziger Jahre hat die Gefahr eines Ost-West-Kriegs in Europa nie vollends bannen können, aber dass Berlin zum Auslöser würde, stand nun kaum noch zu befürchten. War während der Block-Konfrontation militärische Selbstmäßigung ein Überlebensgebot, so sitzen Waffen längst wieder lockerer. Die unerbittlichen Spielregeln der Abschreckungsdisziplin greifen nicht mehr. Heute muss Vernunft ersetzen, was gestern die Furcht vor der Apokalypse erzwang.

Eine erweiterte Fassung dieses Beitrags ist in der Juli-Ausgabe von "Le Monde Diplomatique" erschienen.

Reinhard Mutz, , geboren 1938, ist Politologe. Bis 2006 war er Geschäftsführender Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg. Bis 2008 Mitherausgeber des Jahresgutachtens der friedenswissenschaftlichen Forschungsinstitute in der Bundesrepublik.