Während des Kalten Krieges erlebten Österreich und das geteilte Deutschland höchst unterschiedliche Entwicklungen. Vor diesem Hintergrund kann fünfzig Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer Rückschau auf das Schicksal der beiden heute wieder als Kapitalen firmierenden Städte Wien und Berlin gehalten werden.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war Österreich aus Sicht der Alliierten zum einen ein ehemaliger Bestandteil Hitler-Deutschlands, zum anderen aber auch ein befreites Land, dessen Wiedererrichtung seit der Moskauer Deklaration vom 30. Oktober 1943 ein Kriegsziel der Alliierten war. In Österreich kam es in den Jahren 1945/46, obwohl es wie Deutschland unter Viermächtebesatzung stand, - im Gegensatz zu Deutschland - zur Bildung einer provisorischen Regierung, zu freien Wahlen und zum zweiten Alliierten Kontrollabkommen, das die Vetorechte der Alliierten bereits erheblich reduzierte.

22. August 1989: Flüchtlinge aus der DDR werden an der österreichischen Grenze in Empfang genommen. - © Foto: apa/ Kurt Keinrath
22. August 1989: Flüchtlinge aus der DDR werden an der österreichischen Grenze in Empfang genommen. - © Foto: apa/ Kurt Keinrath

Zudem bestand in Österreich kaum die reale Gefahr einer Zwangsvereinigung von KPÖ und SPÖ, wie sie zwischen KPD und SPD 1946 in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands (SBZ) erfolgt war. Österreich kam trotz einer sowjetischen Besatzungszone und auch in dieser beim Wiederaufbau in den Genuss der Marschall-Plan-Gelder, während die Sowjets eine Teilnahme der SBZ ausgeschlossen hatten. Befürchtungen über eine mögliche Teilung Österreichs, die seit 1946 kursiert hatten, erwiesen sich schließlich als unbegründet. In Deutschland dagegen sollte sich diese 1949 in der "doppelten Staatsgründung" manifestieren.

Vor diesem Hintergrund verwundert es wenig, dass auch die beiden Städte Wien und Berlin auf eine sehr unterschiedliche Zukunft zusteuerten. Anders als in Berlin gab es in Wien eine internationale Zone, die durch die "Vier im Jeep" symbolisiert wurde. Und auch die Zufahrtsrechte der westlichen Alliierten in die in der sowjetischen Zone Österreichs gelegene Bundeshauptstadt waren für diese vorteilhafter geregelt als im Falle der ehemaligen deutschen Reichshauptstadt.

Krisen um Berlin

Dies sollte sich nach der im Juni 1948 in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands erfolgten Währungsreform in Berlin rächen. Stalin nützte die fehlende Regelung über das Zutrittsrecht der westlichen Alliierten zu ihren Sektoren und verhängte am 24. Juni 1948 eine totale Blockade über die Zufahrtswege zu Lande und zu Wasser. Die Westmächte konterten mit einer Luftbrücke die den gesamten Westteil der Stadt über Monate hinweg versorgte. Erst im Mai 1949 gab Stalin auf und beendete die Blockade. Das bedingungslose Eintreten für das freie Berlin hatte das Bild der Westalliierten bei den Westdeutschen erheblich verbessert.

Die Nachricht über die Blockade Berlins hatte nicht nur in der österreichischen Bevölkerung die Befürchtungen aufkommen lassen, Wien könnte ein ähnliches Schicksal erleiden; auch die westlichen Alliierten hatten diesbezügliche Planspiele für den Fall der Fälle angestellt. Aber Wien war nicht Berlin und Österreich war nicht Deutschland. Während sich die deutsche Teilung durch die Gründung von BRD und DDR 1949 und die bis 1955 weitestgehend abgeschlossene Blockintegration zementieren sollte, konnte Österreich den Staatsvertrag erreichen, wodurch seine volle Souveränität wieder hergestellt war.

Für den Westen war die deutsche Frage (zumindest rhetorisch) offen geblieben und Berlin sollte ein Streitgrund für die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs bleiben. Nach einer kurzen Phase der Entspannung im Kalten Krieg hatte Stalins Nachfolger im Kreml, Nikita Chruschtschow, seine Macht so weit stabilisiert, dass er einen Vorstoß in der Berlin-Frage wagen konnte. Mit seinem Berlin-Ultimatum vom November 1958 entfachte er die zweite Berlin-Krise, die die Welt über Jahre in Atem halten sollte.

Unter der Androhung, einen Separatfrieden mit der DDR zu schließen und dieser die Verantwortung für die Zufahrtswege nach Berlin zu übertragen, forderte Chruschtschow vom Westen eine entmilitarisierte "freie Stadt Berlin," die aber freilich inmitten der DDR gelegen wäre. Obwohl er mit seiner Drohpolitik die von ihm angestrebten Konsultationen auf höchster Ebene erreichte, blieb ihm schlussendlich nichts anderes übrig, als dem Bau der Mauer zuzustimmen um ein völliges Ausbluten der von einer massenhaften Fluchtbewegung gezeichneten DDR zu verhindern. Im Westen hatte sich bereits vor dem Mauerbau angesichts der hohen Flüchtlingszahlen so mancher gewundert, warum die DDR nicht einfach ihre Grenzen endgültig dicht macht. Als es dann soweit war protestierte man zwar vehement, eine darüber hinaus gehende Aktion stand freilich nicht zur Diskussion.

Die österreichische Diplomatie hatte die Berlin-Krise aufmerksam verfolgt, der Mauerbau wurde zunächst aber eher als eine von weiteren zu erwartenden Schikanen um Berlin gesehen.

Schweigen in Wien

Eine offizielle Reaktion des neutralen Österreich auf den Mauerbau unterblieb freilich. Während der Berlin-Krise hatte Bruno Kreisky versucht, in die Vermittlerrolle zu schlüpfen. Seine Bemühungen, ein Treffen zwischen Chruschtschow und seinem Freund, dem Berliner Bürgermeister Willy Brandt, zu ermöglichen, waren jedoch nicht von Erfolg gekrönt, sondern gefährdeten vielmehr Kreiskys noch junge politische Karriere. Während das aufgewühlte Berlin 1961 seiner endgültigen Teilung entgegendriftete, avancierte Wien erstmals zu einem Ort der Begegnung im Kalten Krieg. Der amerikanische Präsident John F. Kennedy und Chruschtschow trafen in Wien zu ihrem - wenn auch weitestgehend ergebnislosen - Gipfelgespräch zusammen. Ein Ereignis, das bis heute symbolisch für den Ruf Österreichs als Vermittler im Kalten Krieg steht.