Das in Österreich ohnehin negative DDR-Bild verschlechterte sich noch weiter, da es sich bei einem der ersten Maueropfer um einen jungen Österreicher handelte. Der Student Dieter Wohlfahrt hatte sich als Fluchthelfer betätigt und war im Dezember 1961 an der Mauer erschossen worden. Es gab aber auch erfolgreiche Fluchtversuche mit österreichischer Beteiligung. So gelang 1963 Heinz Meixner mit seiner Ostberliner Braut und seiner Schwiegermutter in einem Cabrio die Flucht unter dem Schlagbaum des Checkpoint Charlie hindurch.

"Neue Ostpolitik"

Die DDR hatte sich nach dem Mauerbau und dem damit einhergehenden Ende der Massenflucht ihrer Bevölkerung zusehends stabilisiert, und bald zweifelten nur mehr wenige an ihrem Fortbestand. Aufgrund der Hallstein-Doktrin, die den Alleinvertretungsanspruch der BRD international absichern sollte, war sie aber außerhalb des sozialistischen Lagers die längste Zeit weitgehend isoliert geblieben.

Es sollte bis zur Bildung der Bonner sozialliberalen Koalition unter dem zum Bundeskanzler avancierten Willy Brandt dauern, bis man sich im Rahmen ihrer "neuen Ostpolitik" zur prinzipiellen Anerkennung der Existenz des zweiten deutschen Staates bereit erklärte. Im Zuge dieser Hochphase der Entspannungspolitik einigten sich auch die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs 1971 auf ein Abkommen über Berlin, das den Status quo bestätigte. Das deutsch-deutsche Verhältnis war mit der Unterzeichnung des Grundlagenvertrages Ende 1972 geregelt worden.

Trotz der Hallstein-Doktrin und des negativen Images der DDR hatte Österreich bereits vor der Anerkennung gewisse Beziehungen zur DDR gepflegt. Neben den unbedenklichen Wirtschaftsbeziehungen auf Kammerebene waren in den 1960er Jahren auch erste "inoffizielle" politische Kontakte entstanden. Nach der Anerkennung der DDR, am Tag der Unterzeichnung des Grundlagenvertrags wurden die bilateralen Beziehungen verhältnismäßig rasch ausgebaut. Zahlreiche Verträge wurden abgeschlossen, darunter ein Konsularvertrag, der - sehr zum Ärger der BRD - die DDR-Staatsbürgerschaft explizit anerkannte. Zudem erfolgten zahlreiche Staatsbesuche auf höchster Ebene, 1978 reiste Kreisky als erster westlicher Regierungschef nach Ost-Berlin und zwei Jahre später konnte der ostdeutsche Staats- und Parteichef Erich Honecker seinen ersten Westbesuch in Wien absolvieren.

Vor diesem Hintergrund scheinen einige österreichische Politiker die Symbolik der geteilten Stadt und die damit verbundenen Befindlichkeiten nicht mehr ganz so ernst genommen zu haben. 1982 lehnte es Bundespräsident Kirchschläger ab, im Zuge eines BRD-Besuchs auch West-Berlin zu besuchen. Einen Ost-Berlin-Besuch konnte er im darauffolgenden Jahr bei seiner Staatsvisite in der DDR freilich nicht verhindern. Noch ungeschickter verhielt sich Fred Sinowatz, als er im Vorfeld eines West-Berlin-Besuchs im Dezember 1983 den Wunsch äußerte, den Rückflug vom Ost-Berliner Flughafen Berlin-Schönefeld antreten zu wollen, da die AUA von dort einen Direktflug anbot. Trotz dieser Fauxpas haben österreichische Politiker nie Zweifel an ihrer Haltung zur Berliner Mauer und deren unmenschlichen Charakter aufkommen lassen.

Das Ende der Teilung



Als am 9. November 1989 schließlich des Nächtens die Mauer aufging, hatte auch Österreich seinen Anteil daran. Die österreichische Unterstützung der im Spätsommer 1989 via Ungarn flüchtenden DDR-Bürger bei ihrer "Abstimmung mit den Füßen" kann durchaus als ein Beitrag zum Anfang vom Ende der DDR bezeichnet werden. Die österreichischen Medien feierten den Mauerfall teilweise enthusiastisch. Dass der Wiener Bürgermeister Helmut Zilk aber tags darauf am Rathaus auch die BRD-Flagge aufziehen ließ, war ein nur allzu leicht misszuverstehender Ausdruck geteilter Freude. Blickt man auf die Widerstände, die der deutschen Einheit in Ost wie West gegenüberstanden und die zumindest zögerliche Haltung von Teilen der österreichischen Regierung, wird klar warum: Weite Teile der Welt hatten sich mit der Existenz zweier deutscher Staaten angefreundet und blickten mit Skepsis auf die Möglichkeit eines geeinten und erheblich vergrößerten Deutschland.

Maximilian Graf, geboren 1984, arbeitet an einer Dissertation zum Thema "Österreich und die DDR 1949-1989/90". Er ist an der Historischen Kommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften angestellt.