Mehr als 60 Jahre nach dem Mord wurde Erich Mielke noch dafür verurteilt. - © Foto: dpa/Peer Grimm
Mehr als 60 Jahre nach dem Mord wurde Erich Mielke noch dafür verurteilt. - © Foto: dpa/Peer Grimm

Polizeiobermeister Richard Willig erkannte die Gefahr, als er hinter seinem Rücken eine Kommandostimme hörte: "Du übernimmst den Husar, du die Schweinebacke, und du den anderen". Willig zog die Waffe, wirbelte herum - und wurde von einem Bauchschuss getroffen. Sein Vorgesetzter, der 49-jährige Polizeihauptmann Paul Anlauf, starb durch eine Kugel in den Hinterkopf. Der dritte Beamte, Hauptmann Franz Lenck (Jahrgang 1892), wurde durch einen Schuss in die Brust getötet. Willig (Spitzname: "Husar") überlebte den Anschlag. Die Täter entkamen unverletzt und unerkannt.

Das geschah innerhalb weniger Sekunden am 9. August 1931 gegen 20.30 Uhr am Berliner Bülowplatz, heute Rosa-Luxemburg-Platz. Der Doppelmord an der Polizeistreife war nicht aus heiterem Himmel gekommen. Tags zuvor schon konnte man an einer Hauswand die Parole lesen: "Für einen erschossenen Arbeiter fallen zwei Schupo-Offiziere!!! Rot Front nimmt Rache." Am Bülowplatz prangte die Warnung: "Achtung! Schupos der Bülowwache! Nehmt Euch in Acht! Eure Stunde ist jetzt gekommen . . ."

Im Vorfeld der Polizistenmorde stand die Reichshauptstadt vor der Zerreißprobe, denn für gerade diesen Sonntag war ein Volksentscheid über die Auflösung des preußischen Landtages angesetzt, wodurch die SPD-geführte Regierung gestürzt werden sollte. Der monarchistische "Stahlhelm" hatte sich zu diesem Zweck unter anderem mit der NSDAP zusammengetan - ein Bündnis, dem sich die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) auf Weisung aus Moskau anschloss. Unter Verkennung der realen, der nationalsozialistischen Gefahr, wollte die KPD-Führung der durch Notverordnungen beinahe unregierbar gewordenen, von Massenarbeitslosigkeit, Verelendung und Radikalisierung gebeutelten Weimarer Republik den Todesstoß versetzen.

Tote auf beiden Seiten

1931 wurden die ermordeten Polizisten in Berlin mit einem gewaltigen Trauerzug geehrt. - © Foto: Wikipedia Commons / Deutsches Bundesarchiv
1931 wurden die ermordeten Polizisten in Berlin mit einem gewaltigen Trauerzug geehrt. - © Foto: Wikipedia Commons / Deutsches Bundesarchiv

In den Tagen vor der Abstimmung war es bei Hungerdemon-strationen am Bülowplatz immer wieder zu Zusammenstößen mit der Polizei gekommen.

So auch am 8. August. Reviervorsteher Anlauf (von seinen Gegnern wegen seines vollen Gesichtes "Schweinebacke" genannt), hatte den Platz wiederholt unter Knüppeleinsatz räumen lassen. Dabei erschoss ein Polizist den 18-jährigen KPD-Sympathisanten Fritz Auge. Schon zuvor hatte es bei nahezu täglichen Auseinandersetzungen Todesopfer gegeben. So waren ein 16-Jähriger und ein 55-Jähriger im Polizeifeuer verblutet. Auf der Gegenseite waren zwei Polizeibeamte "von Kommunisten erschossen" worden.

All die Toten weckten Erinnerungen an den 1. Mai 1929, den "Berliner Blutmai", als bei Krawallen 32 Demonstranten von einer mit Panzern und MGs bewaffneten Polizeitruppe getötet wurden. Der sozialdemokratische Polizeipräsident Zörgiebel hatte damals geglaubt, einen nicht existierenden kommunistischen Aufstand niederschlagen zu müssen.

Kurz nach dem Doppelmord hatten schwerbewaffnete Beamte den Bülowplatz abgeriegelt. Straßenkontrollen und Hausdurchsuchungen waren an der Tagesordnung. So wurde die KPD-Zentrale, das Karl-Liebknecht-Haus, regelrecht auf den Kopf gestellt. In der Nacht bestrahlten riesige Scheinwerfer die Fassaden. Von den Tätern jedoch fand sich keine Spur - trotz der ausgelobten Belohnung von insgesamt 23.000 Mark. Eine ungeheure Summe, bedenkt man, dass zu jener Zeit ein Brötchen drei Pfennige kostete.

Am Montag - das Volksbegehren der radikalen Parteien war inzwischen vom Wähler abgeschmettert worden - hielten die bürgerkriegsähnlichen Zustände im Bülowkiez an. Ein schweres Polizei-MG war aufgefahren und die Beamten übten sich in willkürlichen Festnahmen.

Die Trauerfeier für Anlauf und Lenck geriet zum Staatsakt. Der preußische Innenminister hielt die Gedenkrede. Inzwischen war eine besondere Tragik im Falle Paul Anlauf publik geworden: Nur wenige Wochen vor dem eigenen Tod hatte er seine Frau durch Krankheit verloren. Die jüngste seiner drei Töchter, die elfjährige Dora, hatte durch ihr herzzerreißendes Weinen am Grabe selbst die hart gesottene Hauptstadtpresse gerührt.

Suche nach den Tätern

Zwei Jahre waren ins Land gegangen - inzwischen herrschten die Nazis in Deutschland - als die Zeitungen verkündeten: "Kommunistenmord an den Polizeihauptleuten Anlauf und Lenck aufgeklärt". Es folgte eine Liste der zur Fahndung ausgeschriebenen Personen: Als Initiator des Mordplanes wurde Hans Kippenberger, der KPD-Reichstagsabgeordnete und Chef des militärischen Apparates der KPD und Reichsleiter Parteiselbstschutz, ausgemacht (jedoch ohne schlüssige Beweise). Ferner wurde Heinz Neumann genannt, intellektueller Kopf der Partei und Chefredakteur des Zentralorgans "Rote Fahne". Doch auch seine unterstellte Tatbeteiligung blieb vage. Als tatsächlicher Regisseur der Todesschüsse galt Michael Klause, Chef der Rotfrontkämpfer im Wedding und Bezirksleiter des Parteiselbstschutzes Berlin-Brandenburg. Die Todesschützen stammten aus dem "Roten Wedding": Der 23-jährige Erich Mielke und der 24-jährige Erich Ziemer hatten sich freiwillig für die Aktion gemeldet.