"I'm a poet, and I know it, hope I don't blow it" ("I Shall Be Free No. 10")

Bob Dylan hat immer schon mit einer gewissen Distanz auf sein Schaffen geblickt, wie es ja auch das oben stehende Zitat ausdrückt. Und auch zu seinen jüngst erschienenen Memoiren hat er naturgemäß ein ambivalentes Verhältnis. "Chronicles" geht nämlich nicht auf ein Bedürfnis des Songwriters nach öffentlichen Bekenntnissen zurück, sondern auf das Drängen seines amerikanischen Verlegers, David Rosenthal. Dylan setzte sich deswegen in den letzten Jahren immer wieder an seine alte mechanische Schreibmaschine und tippte die einzelnen Kapitel jeweils in einem Zug in Versalien herunter. Durchgelesen hat er das Geschriebene nie. Die Mühe, sich mit der eigenen Vergangenheit ernsthaft zu konfrontieren, wollte er sich nicht machen.

Doch wie viel offenbart der als Robert Allen Zimmerman in Duluth/Minnesota geborene Folk-Poet in diesem Buch wirklich? Nach dem Durchschmökern der 304 Seiten hat man den Eindruck, dass es Dylan eher um das Zurechtbiegen des verzerrten Bildes ging, das in der Öffentlichkeit von ihm herrscht, als um Bekentnisse oder gar Enthüllungen. So klärt er über seine Namenswahl auf - und bestätigt das, was er bisher immer bestritten hatte: Er nannte sich doch nach dem walisischen Dichter Dylan Thomas. Und er zerstört auch den Mythos von seiner Ankunft in New York im Winter 1961: Tatsächlich war er nicht wie ein Hobo (Landstreicher) im Güterwaggon nach New York getrampt, sondern mit einem 57er Chevy Impala. Weiters erfahren wir, warum er sich zwar mit Begriffen wie "Ikone" und "Legende" in eigener Sache abfinden kann, aber mit solchen wie "Prophet" oder "Messias" absolut nicht zurecht kommt.

Wer zu diesem Buch greift und es - im Unterschied übrigens zum Autor, dessen Technik es ist, zunächst immer einige Seiten aus der Mitte eines Buches zu lesen, um zu sehen, ob sich die Lektüre überhaupt lohnt - vom Beginn an durchliest, wird von der gefälligen Schreibe überrascht sein. Dylan erzählt von seinem Tingeln durch die Clubs in Greenwich Village und von seinem Zusammentreffen mit der Elite der damaligen Szene. Immer schwingt Demut vor den großen Vorbildern mit, seien es lebende wie Dave Van Ronk oder Jack Elliott oder bereits verstorbene wie Robert Johnson oder Hank Williams, und gleichzeitig auch eine gehörige Dosis Sarkasmus für irreal anmutende Situationen. So lässt er auch seine Besuche bei der Folk-Ikone Woody Guthrie, der seine letzten Lebenstage in einer psychiatrischen Anstalt in New Jersey verbrachte, Revue passieren, und erzählt, wie er kläglich scheiterte, die noch unvertonten Texte der Folk-Legende aus dessen Haus zu holen.

Dylans Plan, die Lyrics zu vertonen, hat schließlich die amerikanische Gruppe Wilco in den letzten Jahren wahr gemacht ("Mermaid Avenue Vol.1 und Vol.2"), was Dylan nicht gerade wohlwollend erwähnt.

Interessant sind einige Nebensätze, von denen - wie bei ihm schon so oft - nicht klar ist, ob er damit seine zahlreichen Fans wieder auf eine falsche Fährte locken will. Dylan behauptet nämlich, dass jene Platte, die von Kritikern als autobiographisch gelobt wurde und wird, in Wahrheit auf Tschechow-Erzählungen basiere. Natürlich sagt er nicht, um welche Platte es sich dabei handelt - und in den Dylan-Foren gehen bereits die Wogen hoch, wobei mehrheitlich auf "Blood On The Tracks" getippt wird.

Ganz nebenbei gibt Dylan zu, dass ihm schon danach war, einige seiner übereifrigen Fans (von ihm u. a. liebevoll als "radikale Knalltüten", "unzurechnungsfähig aussehende Gestalten", "potthässliche Mädchen", "Vogelscheuchen und Vagabunden" bezeichnet) mit Waffengewalt aus seinem Haus in Woodstock zu jagen. Doch der Polizeichef habe sehr deutlich auf die möglichen Konsequenzen hingewiesen, daher entschloss sich Dylan damals, in den Jahren nach seinem Motorradunfall, zur Flucht, die in kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten führte.

Viele Lebensabschnitte werden in dem Buch mit keiner Zeile gewürdigt; man darf daher annehmen, dass der "Volume 1" noch weitere Ausgaben folgen werden. Stattdessen erzählt Dylan lieber ausführlich von einzelnen, für seine musikalische Entwicklung wichtigen Perioden, wie etwa von der Entstehung der Platte "Oh Mercy" mit Daniel Lanois in New Orleans. Diskret belässt er familiäre Geheimnisse im Dunkeln: So erwähnt er zwar an verschiedenen Stellen des Buches seine Ehefrau, ohne den Leser aber darauf hinzuweisen, dass es sich dabei um verschiedene Personen handelt. Für ihn ist die jeweilige Mrs. Dylan eine wunderbare Frau.

Das macht ihn sympathisch und menschlich - zwei Eigenschaften, die man sonst nicht so schnell mit dem enigmatischen "song & dance man" verbindet. Und gerade das macht auch "Chronicles" lesenswert, das keine Biographie ist, auch keine Abrechnung mit der Vergangenheit, sondern eher an die Erzählungen eines Großvaters am Kaminfeuer erinnert.

Gesammelte Lyrics

Obwohl Bob Dylan auch mit einem Instrumentalsong ("Wigwam") in den Charts Erfolg hatte, ist er doch in erster Linie wegen seiner poetischen Songtexte, für die er einst sogar für den Literatur-Nobelpreis vorgeschlagen worden ist, berühmt. Gemeinsam mit dem ersten Band seiner Memoiren ist nun auch die neue Version seiner "Lyrics" zweisprachig erschienen. Diesmal sind alle Songs von 1962 bis 2001 enthalten. Gisbert Haefs übersetzte die Texte ins Deutsche und spricht bereits im Vorwort die Probleme eines Dylan-Übersetzers an, der noch dazu an vertragliche Zugeständnisse gebunden ist. Deswegen können die Übertragungen den Originalen poetisch nicht gerecht werden, doch sind sie als Verständnishilfen durchaus dienlich.

Das Buch ist in Kapitel unterteilt, die streng der Chronologie der Erscheinungsweise der Alben folgen. Einzige Ausnahme bilden die Texte der "Basement Tapes", die merkwürdigerweise nicht nach "Blood On The Tracks", sondern nach "New Morning" gereiht wurden. Die einzig mögliche Erklärung dafür ist, dass damit dem Erscheinen der meisten Songs auf dem Bootleg "Troubled Troubador" aus dem Jahre 1971 entsprochen wird. Entstanden sind die Songs ja viel früher, nämlich nach Dylans Motorradunfall im Jahr 1966.

Die große Stärke des buchstäblich gewichtigen Bandes ist die Vollständigkeit. Enthalten sind nicht nur die offiziell auf Platten erschienenen Songtexte, sondern auch viele andere. Und als besondere Zugabe sind zwischen den einzelnen Kapiteln auch Songskizzen abgebildet.
Bob Dylan: Lyrics 1962-2001. Übersetzt von Gisbert Haefs. Hoffmann und Campe, Hamburg 2004, 1.152 Seiten.