Es hat wohl noch nie ein Konzert so geendet, dass ein Musiker nach dem anderen die Bühne verlässt, bis schließlich nur mehr der Schlagzeuger überbleibt, noch ein paar Takte herunterknüppelt und als Letzter geht. Genau das aber passierte bei Bob Dylans erstem von zwei Auftritten im Wiener Konzerthaus bei der letzten Zugabe, einer rein instrumentalen Version von "Just like Tom Thumb’s Blues": Demonstratives Understatement als besonders perfide Form einer souveränen Künstler-Arroganz, die sich über konventionelle Konzert-Dramaturgie und Crowd-Pleasing erhaben zeigt.

Dieser unheimlich starke Abgang fand indes schon ohne den Hauptdarsteller statt - denn dieser hatte bereits nach der vorletzten Zugabe, "It Takes A Lot To Laugh, It Takes A Rain To Cry", den Dienst quittiert. Während der kantigen Performance des mit Allegorien auf sexuelle Frustration spielenden Blues-Songs vom Album "Highway 61 Revisited" war Dylan sogar von seinem Klavier zur Rampe vorgekommen, deutete ein paar Tanzschritte an, kam dabei aber ins Straucheln und hätte beinahe einen Köpfler ins Schlagzeug gemacht. Dann murmelte er, der sonst keine wie auch immer geartete verbale Kommunikation mit dem Publikum tätigte, etwas Grantiges von wegen Spielen oder Posieren ins Mikrophon und begab sich zurück ans Klavier.

Große Geschichten

Es war, vor voller Kulisse, im Prinzip ein Abend voll großer Geschichte: Ein gutes Dutzend Songs, die hier dargeboten wurden, zählen zu den ewigen Besten im Fundus des Folk- und Rock-Universums. "Like A Rolling Stone", "Highway 61 Revisited", "It Ain’t Me Babe", "Simple Twist of Fate", "When I Paint my Masterpiece", "Don’t Think Twice, It’s Allright" "Gotta Serve Somebody", "Things Have Changed" und und und. Dass sich trotzdem - zumindest anfänglich - die Ergriffenheit des altersmäßig überraschend durchmischten Auditoriums in gewissen Grenzen hielt, lag ganz gewiss nicht an der vierköpfigen Begleitband, die dynamisch und dabei leichthändig einem tiefen, sumpfigen, fließenden Südstaaten-Bluesrock frönte. Vielmehr zelebrierte His Bobness - struppig und verwittert wie eh und je - einmal seine seit Jahrzehnten praktizierte Gepflogenheit, seine Klassiker bis an den Rand der Unkenntlichkeit umzugestalten. "It Ain’t Me, Babe" kam da etwa melodiös eigenartig verschleppt, "Don’t Think Twice, It’s All Right" kleidete Dylan in ein sehr spartanisches, fast jazziges Arrangement, das durch einen seiner wunderbaren Mundharmonika-Einsätze kurz auflebte und dann wieder auf Reduktionsstufe zurückfiel. In die an sich mitreißende Version von "Like A Rolling Stone" baute er Stoppschilder ein, indem jedesmal vor dem "How does it feel"-Chorus Tempo und Instrumentierung fast auf null zurückgefahren wurden, um dann wieder frisch weiterzubrettern. Mit solchen teils gravierenden Eingriffen in "bewährtes Liedgut" beugte Dylan allerdings nicht allein billiger Nostalgie-Gefühligkeit vor, sondern fand offensichtlich auch das passende Setting für seine brüchige, schwankende Stimme, die unvermittelt durchdringend aufzufahren beliebt.

Gemütlicher Swing

Es war übrigens ein vergleichsweise neuerer Song, bei dem der Stimmungspegel im Konzerthaus erstmals richtig hochschwappte: "Scarlet Town" von seinem 2012er-Album "Tempest". Die Ballade, die gewissermaßen das Große Welttheater auf das Leben einer ominösen Kleinstadt herunterbricht, gab der Maestro als einziges Stück freihändig am Mikro in der Bühnenmitte. Es kamen noch drei weitere Songs aus "Tempest", Dylans bislang letztem Longplayer mit Eigenkompositionen. Unter ihnen war "Soon After Midnight", ein vermeintlich gemütlicher Old-Time-Swing mit einer ungemütlichen Geschichte über Liebe und Gewalt.

Neben "Tempest" war auch die bejubelte LP "Time Out Of Mind" von 1997 prominent im Programm vertreten. Von den drei Stücken daraus überzeugte vor allem "Love Sick" als fast Hardrock-artiger Kracher mit wildem kurzem Schlagzeugsolo. Mit dem von vielen anderen Interpreten (Billy Joel, Garth Brooks, Adele) gecoverten "Make You Feel My Love" gestattete der Meister sich (und dem Publikum) sogar ein kurzes Anstreifen ans Geschmäcklerische. Um alsgleich "Pay In Blood" wieder besonders harsch zu geben.