Es beginnt mit dem Tod, und mit ihm geht es zu Ende. Dazwischen steht aber auch die Endlichkeit und ihre Überwindung auf dem Programm, wenn nicht gerade ein mysteriöser "Black Rider" vorbeischaut, über den sich Bob Dylan einen seiner Altherrenwitze erlaubt ("Black rider / Hold it right there / The size of your cock / Will get you nowhere ...") oder ein galliger Vers der lyrischen Selbstbehauptung proklamiert, dass ohnehin niemand Besserer nachkommt: "I’m first among equals / Second to none / Last of the best / You can bury the rest" - nur dass das einmal gesagt ist, falls der Musiknachwuchs in einem Akt der Selbstüberschätzung wieder einmal auf blöde Gedanken kommen sollte.

Und auch wenn die ersten Zeilen des postmodern gefärbten, auf Walt Whitmans "Song Of Myself" zurückgehenden Auftaktstücks "I Contain Multitudes" "Today and tomorrow and yesterday, too / The flowers are dyin’ like all things do" heißen, Bob Dylan darüber singt, mit dem Leben und dem Tod im selben Bett zu schlafen, und Zeilen wie "I’m traveling light and I’m a-slow coming home" fast wortident mit dem diesbezüglich definitiv sehr autobiografisch vorausblickenden Spätwerk des großen kanadischen Songwriters Leonard Cohen ausfallen, will sich Bob Dylan laut einem rezenten Interview mit der "New York Times" zumindest nicht mit dem eigenen Ableben auseinandersetzen. "I think about the death of the human race. The long strange trip of the naked ape. (...) I think about it in general terms, not in a personal way."

"Rough And Rowdy Ways" (Sony Music) ist das erste Album des mittlerweile 79-jährigen Musikers als Literaturnobelpreisträger und das erste, das nach achtjähriger Schreibpause zugunsten dreier Veröffentlichungen im Zeichen des Great American Songbooks ausschließlich eigene Songs inkludiert. Der Titel löst die Möglichkeit eines Zeitkommentars leider nicht ein, musikalisch wird der Weg des Alterswerks fortgesetzt. Der Ankerpunkt liegt also in der Durchforstung der US-Mythologie unter Zuhilfenahme des Blues und möglichen Soundtracks für Hinterhofszenen in italoamerikanischen Mafiafilmen mit wild durch die Gegend spritzender Tomatensauce, wobei zwischen dem Andachtsgesang des händeringenden "Mother Of Muses" und dem räudigen Blues-Stomp von "False Prophet" und "Goodbye Jimmy Reed", mit dem Bob Dylan den Sinatra-Belcanto zugunsten des gewohnten Gebells wieder dem Archiv zuführt, eine gewisse Bandbreite liegt. Die wird von fein bepinselten Songgemälden wie der als Corona-Geschenk ins Blaue veröffentlichten ersten Singleauskopplung noch einmal erweitert.

Das verbindende Element und Stilmittel Nummer eins liegt dabei in der Wiederholung, der Repetition, im Stream-of-Consciousness-haften Mäandern der Arrangements und Ideen. Im Falle der diesbezüglich an der Speerspitze stehenden Auftaktsingle "Murder Most Foul" hört man einen knapp siebzehnminütigen Songmonolithen über die Ermordung John F. Kennedys, der in mehr als 150 Versen eine immens referenzreiche Brücke von Shakespeares "Hamlet" herauf zur Geschichte der (US-)Popmusik legt. Entgegen jeder Marktlogik (und als Treppenwitz) ging sich ausgerechnet damit die erste Single-Nummereins Bob Dylans daheim in Amerika aus.

Stoßseufzer, himmelwärts

Wie viele Rätsel der alte Rock-Reibebaum mit der Reibeisenstimme darin und in Songs wie "My Own Version Of You", in dem er auf den Spuren von Frankenstein wandert, um Freud und Marx in der Hölle zu finden, seiner Gefolgschaft wieder aufgibt, ist zwar schwer zu sagen. Stichwort: "You don’t know me darlin’ / You never would guess / I’m nothing like my ghostly appearance would suggest." Vielleicht hat man die Bob-Dylan-Exegese aus Frustrationsgründen aber nicht zuletzt als Dylanologe aber ohnehin bereits etwas zurückgefahren, seit der Meister sein Selbstverständnis in der Nobelpreisrede etwas ernüchternd dargelegt hat: "Ich habe in meine Songs alle möglichen Dinge hineingeschrieben. Und ich mache mir keine Gedanken darüber, was das alles bedeuten könnte." Das lyrische Ich des Albums tritt dann übrigens noch als 12-Jähriger in Erscheinung, der eine Prostituierte zur Frau nimmt, während Bob Dylan realbiografischer als alternder Dichterfürst erklären dürfte, wo der Saubartel den Most herholt: "Transparent woman in a transparent dress / Suits you well I must confess / I’ll break open your grapes and suck out the juice / I need you like my head needs a noose."

Eine überraschende Wendung im letzten Drittel der Platte: Näher an Nick Cave und seinen Bad Seeds als in "Key West (Philosopher Pirate)" dürfte sich Bob Dylan noch nicht bewegt haben. Wir hören einen musikalischen Gleitflug, der als Roadtrip daherkommt, der in die Unsterblichkeit führt, während im Hintergrund windschiefe Stoßseufzer himmelwärts fahren: "Key West is the place to be / If you’re looking for immortality." Ist das das Ende? Nein. Noch regiert im Rentnerparadies Florida der Unruhestand.