Stockholm. "Wie Einstein für die Physik" sei Bob Dylan für die Popkultur, schrieb das US-Magazin "Newsweek". Die Nobelpreis-Jury würdigte ihn nun für seine "poetischen Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Gesangstradition". "Einer der großen - wenn nicht der größte - Songschreiber des 20. und 21. Jahrhunderts", sagt der Historiker und Dylan-Experte Sean Wilentz von der Princeton-Universität.

Sein weltweiter Einfluss ist kaum hoch genug einzuschätzen. Mit Protestsongs wie "Blowin' In The Wind" oder "The Times They Are A-Changing" revolutionierte der als Robert Allen Zimmerman in Duluth/Minnesota geborene Dylan Anfang der 60er-Jahre noch als Akustik-Folk-Sänger die gesellschaftliche Relevanz der populären Musik. Als Erfinder des elektrischen Folkrocks mit Meisterwerken wie "Like A Rolling Stone" wies er einer ganzen Musikergeneration neue Wege. Auch im fortgeschrittenen Alter nahm er wichtige Alben wie "Time Out Of Mind" (1997) auf. Als wichtigster Popdichter war er seit 20 Jahren Kandidat für den Literaturnobelpreis - nun hat er ihn erhalten.

"Kein politischer Mensch"

In seinen Liedern vereine dieser längst legendäre Künstler Ideen, Gefühle und Lyrik, sagt Wilentz, der das Buch "Bob Dylan und Amerika" veröffentlichte. "Und seine Arbeit, damals wie heute, inspiriert, gefällt, unterhält und baut Menschen weltweit auf." Allerdings sei Dylan "im Wesentlichen kein politischer Mensch", betont der Geschichtsprofessor. "Er wollte niemals in irgendeiner Weise ein Anführer sein - er ist ein Künstler und hat nicht dieses politische Temperament."

Gut 35 Millionen Google-Treffer finden sich zu Bob Dylan. Rund 100 Millionen Tonträger soll der Musiker verkauft haben - und damit weniger als Taylor Swift oder Justin Bieber. Doch mit Zahlen lässt sich das Kulturphänomen nicht erfassen. In seinen 2004 erschienen "Chronicles" schrieb Dylan über seinen Karrierestart: "Amerika wandelte sich. Ich ahnte eine schicksalhafte Wendung voraus und schwamm einfach mit dem Strom der Veränderung. Das ging in New York genauso gut wie anderswo."

Vorbild Woody Guthrie

Noch unter seinem Geburtsnamen spielt der am 24. Mai 1941 geborene Gitarrist und Pianist zunächst Mitte der 50er-Jahre Rock 'n' Roll in Highschool-Bands wie The Golden Chords oder The Shadow Blasters. Das Faible für die neue Folk-Bewegung entdeckt der aus einer jüdischen Familie stammende junge Mann 1959 an seinem Studienort Minneapolis. Der Songwriter-Tramp Woody Guthrie und die US-Linken-Ikone Pete Seeger werden ihm nun wichtiger als Little Richard oder Gene Vincent.