Doch Dylan ist weder 1966 noch 1981 gestorben. Er hat weiter unbeirrbar Platte für Platte aufgenommen, ist von Konzert zu Konzert gereist und hat sich im hohen Alter auch einige Träume erfüllt. 2009 erschien eine schon ewig geplante Weihnachtsplatte (angeblich hat es zu Beginn der Siebziger Jahre gemeinsame Aufnahmen mit Elvis Presley gegeben), 2004 der erste Teil seiner Autobiografie "Chronicles". Und zwischen 2006 und 2009 hatte Bob Dylan mit der "Theme Time Radio Hour" sogar eine eigene Radio-Show, in der er unzählige Songs präsentierte.

Zum 75. Geburtstag hat er mit "Fallen Angels" nun ein neues Album herausgebracht. Es ist eine Platte mit Coverversionen - und die Fortsetzung von "Shadows In The Night" aus dem Vorjahr. Die Überraschung war groß, als Dylan Sinatra-Standards nachsang. Doch so abwegig, wie es manchen im ersten Augenblick erschien, war das Projekt nicht. Dylan hatte schon immer Freude daran, Songs zu covern. Enthielt seine allererste Platte noch überwiegend Traditionals, so waren auf der 1970 doppeldeutig mit "Self Portrait" betitelten Doppel-LP schon Songs enthalten, die klassische Dylan-Fans nicht mehr so leicht verdauen konnten. "What is this shit?", zitierte Greil Marcus in der legendären "Rolling Stone"-Besprechung einen Freund. Da hatte sich "Uncle Bob" (Copyright: Neil Young) nur an Songs wie "Blue Moon", "Let It Be Me" oder "The Boxer" gewagt.

Später folgten noch zahlreiche andere Cover-Platten, etwa 1973 die LP "Dylan", die von der Plattenfirma Columbia selbst edierte Trotzreaktion auf Dylans Vertragsausstieg mit dem im heimischen Radio häufig gespielten Song "Lily of the West". Spätere Alben wie "Good As I Been To You" (1992) oder "World Gone Wrong" (1993) wurden dagegen gelobt und sogar enthusiastisch gefeiert.

Und auch "Shadows In The Night" wurde erstaunlicherweise meist gepriesen. Da kann es, Hand aufs Herz, "Fallen Angels" nicht schlechter ergehen, schließlich klingt der "Song & Dance-Man", wie sich Dylan einst selbst bezeichnet hat, darauf erfrischend entspannt, und seine Stimme ist nicht allzu brüchig und erstaunlich klar. Musikalisch groovt die Band im Lounge-Modus unaufdringlich dahin. "Fallen Angels" ist angenehm unaufgeregt, allürenfrei und gleichzeitig charmant. All das, was Dylan mit wenigen Ausnahmen - wie etwa der Zeit bei den Traveling Wilburys - zuletzt oft nicht gelang.

Dylans Songauswahl - auch diesmal sind etliche durch Sinatra bekannt gewordene Nummern dabei - ist nicht sonderlich überraschend ausgefallen. Wer sich Dylans Radio-Show manchmal zu Gemüte geführt hat, wird etwa Songs wie "Skylark" oder "Come Rain Or Come Shine" auf der Platte wiedererkennen. Aus dem Fundus des "Great American Songbook" lässt es sich leicht fischen. Dylan hat nie ein Hehl daraus gemacht, sich für alte Songs und Platten zu interessieren. Schon in frühester Jugend hörte er zahlreiche Scheiben aus den Sammlungen der Väter von Freunden. Und dieser Hang, Musik in sich aufzusaugen, hielt auch in späteren Jahren an.