• vom 10.01.2019, 20:00 Uhr

Brexit


Großbritannien

Die Nutznießer des Brexit




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (6)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Pauline Froissart

  • Unternehmen horten Waren aus Angst vor Engpässen bei einem ungeregelten EU-Austritt.

"Kunden fragen viel mehr Platz an": Der Lagerhallenbetreiber NX Group profitiert von der Sorge über den No-Deal-Brexit. - © afp/Oli Scarff

"Kunden fragen viel mehr Platz an": Der Lagerhallenbetreiber NX Group profitiert von der Sorge über den No-Deal-Brexit. © afp/Oli Scarff

London. (afp) Die Ängste rund um den bevorstehenden Brexit sind für Neil Powell eine "gute Nachricht". Seine riesige Lagerhalle im Zentrum Englands ist praktisch voll bis unters Dach. Und weiterhin sind zahlreiche Unternehmen auf der Suche nach Lagerfläche für Waren, um mögliche Lieferschwierigkeiten nach dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union abwenden zu können.

"Unsere Auslastung liegt normalerweise zwischen 85 und 90 Prozent, momentan sind wir bei 94 Prozent", sagt der Geschäftsführer der NX Group in Crick in der Grafschaft Northamptonshire, während hinter ihm Lagerarbeiter unaufhörlich Paletten hin- und herfahren. "Die Kunden fragen viel mehr Platz an."


Das mit einem Spezialzugang gesicherte Lager ist rund um die Uhr geöffnet - 24 Stunden täglich, jeden Tag in der Woche. Kosmetikprodukte, Lebensmittel und Computerteile türmen sich in den 13 Meter hohen Regalen.

Das Unternehmen verfügt noch über zwei weitere Gebäude und kommt damit auf eine Lagerkapazität von insgesamt 9300 Kubikmeter. Sie liegen in den Midlands, in einer Gegend, die wegen ihrer guten Anbindung an verschiedene Straßennetze als "Goldenes Dreieck" der Logistik gilt.

Angst vor Lebensmittelknappheit
Die NX Group beschäftigt 80 Mitarbeiter. Fünf davon wurden erst in den vergangenen Monaten aufgrund der gestiegenen Nachfrage eingestellt. Powell bekommt "täglich Anfragen" von alten und neuen Kunden, die Lagerkapazitäten suchen, insbesondere von Lebensmittelkonzernen. "Es sind gerade wirklich, wirklich interessante Zeiten", sagt Powell. "Wir sind sehr positiv gestimmt, was der Brexit uns bringen wird." Zwei Wochen vor Weihnachten habe ein Kunde darum gebeten, seine Lagerfläche zu verdoppeln, erzählt der Manager. "Nicht, weil er Waren lagern möchte, sondern weil er sichergehen wollte, dass es genug Platz gibt, wenn er ihn braucht." Dieser Kunde gehe von einem harten Brexit aus.

Weniger als drei Monate vor dem EU-Austritt Großbritanniens am 29. März sind alle Szenarien möglich - von einem mit der EU ausgehandelten Brexit bis hin zur Chaos-Trennung, die heftige Störungen in den Versorgungsketten mit sich bringen könnte. Der britische Verband der Lagerunternehmen rechnet in jedem Fall mit einer Unterbrechung der Lieferkette. "Das ist eine gute Nachricht für die Branche, weil dafür mehr Lagerhallen benötigt werden", sagt Verbandschef Peter Ward, der für mehr als 750 Firmen spricht.

Allerdings hatte die Entscheidung zum Brexit im Juni 2016 auch negative Folgen für die Branche. Die Benzinpreise stiegen wegen des Wertverlustes des Pfunds und trafen damit die Firmen, die neben dem Lagern auch den Transport von Waren übernehmen. Zudem verließen osteuropäische Arbeiter massenhaft das Land - dabei ist die Branche stark auf sie angewiesen.

Brexit vertreibt
Arbeiter aus dem Osten

Vor dem Referendum stammten etwa 35 Prozent der Arbeitskräfte der Branche aus dem Osten Europas. Ihr Anteil sei seither auf etwa 25 Prozent gesunken, sagt Ward. Der "Brexit-Faktor" habe das Problem des Arbeitskräftemangels damit noch verschärft.

Bei der NX Group von Neil Powell arbeiten 15 Moldawier und zehn Polen als Lagerarbeiter, Fahrer und Büroangestellte. Sie seien "ausgezeichnete Arbeiter", die er gern halten würde, sagt Powell. Am liebsten wären ihm "dieselben Angestellten mit denselben Verträgen". Nach dem Brexit werde das vermutlich aber "nicht so einfach" sein.




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-10 18:14:22


EU-Großbritannien

Eine schwierige Beziehung

Premier Edward Heath unterschreibt am 22. Jänner 1972 den EG-Beitrittsvertrag in Brüssel. - © getty images Brüssel/London. (red) Nichts weniger als "eine Art Vereinigter Staaten von Europa" entwarf der Visionär Winston Churchill in einer Rede 1946 an der... weiter




Finanzbranche

Brexit-Abstimmung sorgt für Verunsicherung an den Börsen

London/Frankfurt. Die Unsicherheit vor der Brexit-Abstimmung hat am Montag zusammen mit schwachen Wirtschaftsdaten aus China über den Börsen in Europa... weiter




Brexit

"Schon Gedanke an weichen Brexit ist Verrat"

Brexit-Wortführer Boris Johnson warnte Premierministerin May am Freitag eindringlich davor, sich mit der Opposition auf einen Verbleib im EU-Binnenmarkt zu verständigen. - © afp Wien/London. Ratlosigkeit schlägt in Verzweiflung um, je näher der EU-Austritt Großbritanniens am 29. März rückt. Seit sich die Abgeordneten in... weiter




Brexit

Deutscher Appell an Briten zum Verbleib in der EU

London/Berlin. Deutsche Spitzenpolitiker, Topmanager und Verbandspräsidenten haben die Briten in einem Brief an die Londoner Zeitung "The Times" zum... weiter




Brexit

Gefährlicher Stillstand in Westminster

20190117corbyn - © APAweb, afp, Ben Stansall London/Wien. Die Misstrauensabstimmung in Westminster hat Theresa May überstanden. Etwas geändert oder die Premierministerin gar gestärkt hat das aber... weiter




Großbritannien

Krise als "Triumph der Demokratie"

FILES-BRITAIN-EU-BREXIT-POLITICS - © APAweb / AFP, Scott Heppell Wien/London. Der frühere britische Außenminister und langjährige Parlamentarier Malcolm Rifkind sieht die politischen Vorgänge rund um den Brexit in... weiter




Großbritannnien

May fordert einen nationalen Schulterschluss

Britain's Prime Minister Theresa May makes a statement in London - © APAweb, Reuters, Clodagh Kilcoyne Theresa May hat in der Nacht auf Donnerstag an britische Abgeordnete der Opposition appelliert, das Eigeninteresse zur Seite zu schieben und... weiter




Gregor Schusterschitz

"Der Brexit-Deal ist nicht tot"

"In der EU gibt es keine innenpolitischen Motive", sagt Schusterschitz. - © afp/Paul Ellis "Wiener Zeitung": Bei der Abstimmung über ihr Brexit-Abkommen im britischen Unterhaus hat Theresa May eine totale Niederlage eingefahren... weiter




Brexit

Auf der Suche nach neuen Optionen

Brüssel/Berlin/Paris/Wien. Es ist wie ein Mantra, das aus den EU-Hauptstädten und -Institutionen in den vergangenen Wochen ständig kommt... weiter




Brexit

Chaos in London lässt Devisenmarkt kalt

- © M. Hirsch London/Brüssel/Berlin/Wien. Die Nervosität ist ungleich verteilt. Während die Brexit-Abstimmungen in London die Sorgen in großen Teilen der Wirtschaft... weiter




Brexit

Welche Optionen bleiben jetzt noch?

London. All das Für und Wider, all die Warnungen vor Chaos und Absturz, all die Appelle an die Vernunft - es hat alles nichts genützt... weiter





Werbung




Werbung