• vom 15.01.2019, 17:25 Uhr

Brexit

Update: 15.01.2019, 18:15 Uhr

Brexit

Die Briten und der blau-weiß-rote Falter




  • Artikel
  • Lesenswert (7)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von WZ-Korrespondent Peter Nonnenmacher

  • Was ist aus dem Traum der Brexit-Wähler vom Sommer 2016 geworden?

"Wir sind raus", frohlockte manche Zeitung am 24. Juni 2016, am Tag nach dem Brexit-Votum.

"Wir sind raus", frohlockte manche Zeitung am 24. Juni 2016, am Tag nach dem Brexit-Votum.© afp "Wir sind raus", frohlockte manche Zeitung am 24. Juni 2016, am Tag nach dem Brexit-Votum.© afp

London. In der Woche vor dem Brexit-Referendum, im Juni 2016, erschien die britische Zeitschrift "Spectator" mit einem Schmetterling auf der Titelseite. Das Insekt entfaltete seine Flügel in den Farben des Union Jack, in Blau-Weiß-Rot. Es erhob sich aus einem würfelähnlichen Kokon, dessen auseinanderfallende Seitenwände das Blau der EU und deren Sterne zierten. "Raus", schwärmte das Blatt, "und rein in die Welt."

Die Botschaft des für den EU-Austritt werbenden "Spectator" war damals jedem klar. Die lästige Hülle der Europäischen Union sollte der Schmetterling abstreifen, um sich in der weiten Welt neuer Ungebundenheit zu erfreuen. Es war eine Vorstellung, die viele Briten ansprach - zusammen mit der genialen Losung "Take back control": Ihr sollt wieder über alles selbst bestimmen. Bekanntermaßen siegten die Brexiteers ja dann auch beim Referendum, wenn auch nur knapp, mit 52 zu 48 Prozent.


Zweieinhalb Jahre später aber zuckt das hübsche Sinnbild neuer Zuversicht nur noch matt mit den Flügeln. Statt in der erträumten Freiheit landete der beschwingte Traum in einer Welt harscher Realitäten, im taghellen Licht der Ernüchterung.

In der Tat droht, was Brexit-Befürworter Boris Johnson seinen Landsleuten seinerzeit in schillernden Farben ausmalte, in diesem Winter für die Briten zu einem regelrechten Albtraum zu werden - falls sich ihre politischen Repräsentanten weiter auf nichts einigen können. Nicht nur plant die Regierung für den Fall der Fälle, Nahrungsmittel zu horten, Medikamente in Chartermaschinen einzufliegen, spezielle Polizeieinheiten zur Aufrechterhaltung der Ordnung in Englands Straßen abzustellen und zum Schutz von Tankstellen reguläre Truppen aufzubieten. Von allen angesehenen Ökonomen und Finanzexperten des Landes haben sich die Briten auch sagen lassen müssen, dass jede Form von Brexit sie kurz- wie langfristig ein Vermögen kosten würde.

Visionen von neuer Größe
Banken und Großkonzerne haben aufgehört, über mögliche Gefahren zu lamentieren. Sie haben längst neue, profitable Ufer jenseits der Britischen Inseln ausgespäht. Auch Abgeordnete, die bisher betreten schwiegen, zeigen sich jetzt alarmiert. Sie wissen ebenfalls, dass beim Referendum von 2016 niemand dafür gestimmt hat, ärmer zu werden - geschweige denn dafür, in einem nationalen Notstand zu erwachen. Diplomaten raufen sich die Haare, weil ihr Land schon jetzt international an Ansehen und Einfluss eingebüßt hat, statt, wie versprochen, wieder "das große Britannien" zu werden, das es einmal war.

weiterlesen auf Seite 2 von 3




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-15 17:38:30
Letzte Änderung am 2019-01-15 18:15:24



Brexit

Auf dem Trockenen

Weltweit hymnisch verehrtes Genussprodukt: Britischer Scotch. - © Philipp Lipiarski London. Seit einiger Zeit kursiert ein Foto durch die sozialen Medien, das die lukullische Wüste in Großbritannien nach dem Brexit verdeutlichen soll:... weiter




May-Erklärung zum Brexit

Neue Deadline für den Brexit

TheresaMay20190112 - © APAweb/REUTERS/Toby Melville London. Die britische Premierministerin Theresa May hat den 26. Februar als neue Deadline für einen Brexit-Deal mit der EU genannt... weiter




Brexit

May appelliert an Parlament: "Nerven behalten!"

20190212May im Unterhaus - © APAweb / Reuters, UK Parliament/Mark Duffy/Handout London. Nur etwa sechs Wochen vor dem Brexit appelliert die britische Premierministerin Theresa May an die Parlamentarier in London... weiter




EU-Zollunion

Brexit: Kein Land in Sicht

"Lieber Jeremy": Mays Antwort auf die Vorschläge des Labour-Chefs Corbyn zerstören die Hoffnungen auf einen sanften Brexit. - © reuters; afp/Ho London. (sig) Es war eine Lösung, auf die viele gehofft hatten: Wenige Wochen vor dem Brexit könnte Theresa May sich mit der oppositionellen... weiter




Nordirland-Konflikt

Sieht so eine friedliche Gesellschaft aus?

Graffiti im Westen von Belfast. - © afp Belfast/Wien. In der warmen Jahreszeit warten die bunten Doppeldeckerbusse täglich im Stadtzentrum, um Besucher durch Belfast zu karren... weiter




Brexit

Farage "droht" mit erneuter EU-Kandidatur

Großbritannien und die EU - © APAweb, Reuters, Dado Ruvic London. Der ehemalige Chef der EU-feindlichen britischen Partei Ukip will im Falle einer Verschiebung des Brexits erneut für das Europaparlament... weiter




Nordirland

May setzte undankbare Mission in Dublin fort

20190208may - © APAweb, Reuters,Francois Lenoir London/Dublin/Brüssel. Nach ihren Gesprächen in Brüssel hat die britische Premierministerin Theresa May ihre Brexit-Diplomatie in Irland fortgesetzt... weiter




Brexit

EU schlägt London Notfall-Budget vor

20190207brexit - © APAweb, afp, Philippe Huguen Brüssel. Die EU will Großbritannien bei einem harten Brexit ohne Austrittsabkommen einen Notfall-Budgetplan für 2019 vorschlagen... weiter




Brexit

Déjà-vu in Brüssel

20190207May wieder einmal in Brüssel - © APAweb / AFP, Clodagh Kilcoyne Brüssel/London. Theresa May will es abermals versuchen: Obwohl die EU bereits unmissverständlich klargemacht hat, dass sie den Brexit-Vertrag nicht... weiter




Brexit

Wie Nordirland zum Spieleinsatz wird

"Wir wollen hier keine Grenze": Protest in Carrickcarnan auf der irischen Seite der Grenze. - © reu Belfast/Dublin/London. Stacheldraht, gepanzerte Polizeiautos, Mauern zwischen katholischen und protestantischen Vierteln... weiter




Großbritannien

EU-Austritt wird nicht verschoben

London. Der Austritt Großbritanniens aus der EU wird sich Verkehrsminister Chris Grayling nicht verzögern. "Ich habe an jeder Kabinettssitzung... weiter





Werbung




Werbung