• vom 06.07.2016, 19:07 Uhr

Brexit


Gastkommentar

Warum der Brexit zur Rettung Europas beitragen kann




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Von Julia Culen

  • Nie hat sich der in ganz Europa aufstrebende Populismus selbst so deutlich entlarvt wie jetzt.

Julia Culen ist Managing Partner bei Culen Mayhofer Partner.

Julia Culen ist Managing Partner bei Culen Mayhofer Partner. Julia Culen ist Managing Partner bei Culen Mayhofer Partner.

Der ganze Brexit ist ja eigentlich eine Panne. Man wollte bloß ein bisserl sticheln und hetzen und die eigene Karriere anheizen beziehungsweise absichern. Doch jetzt hocken Boris, Nigel und Dave gemeinsam in der Grube, die sie einander graben wollten, und geben ein jämmerliches Bild ab.

Leider haben sie ihre Heimat mitgerissen. Der "Leave"-Sieg ist ein Pyrrhussieg, die Sieger jubeln nicht, weil sie doch gar nicht siegen wollten. Paradoxerweise hätten sie nämlich nur bei einer Niederlage gesiegt. Denn dann hätten sie ewig recht haben können, ohne jedweden Beweis. Jetzt aber ist Zahltag, und kleinlaut muss man zugeben, dass alles erstunken und erlogen war, die Menschen bewusst in die Irre geführt wurden und man eigentlich überhaupt nichts im Griff hat. Nicht die Politik, nicht das Land, nicht die EU, nicht sich selber und schon gar nicht einen geordneten Brexit. Jetzt werden aus Emotionen Fakten, und die sind erschreckend. Auch den größten EU-Skeptikern wird vor Augen geführt, dass es in einer vernetzten modernen Welt kein Zurück in den Nationalismus mehr gibt - oder nur zu einem Preis, den kaum jemand zu zahlen bereit ist. Es ist, als schneide man sich selbst von den wichtigsten Lebensadern ab. Im Gegenteil, es gibt eine neue Zustimmung zur EU in Großbritannien, und allen wird klar, wie wichtig und integral sie für unser aller Leben geworden ist.

Dass Norbert Hofer ein Öxit-Referendum fordert, ist selbstbeschädigend. Leise Schadenfreude darüber hält aber nur kurz an angesichts der dramatischen Konsequenzen für alle und der Verzweiflung vieler Briten.

Aber was, wenn dieser Brexit das Beste ist, was passieren konnte? Denn nie hat sich der in ganz Europa aufstrebende Populismus selbst so deutlich entlarvt wie jetzt. Er hat sich in seiner Verdutztheit die "Kleine-Mann-Versteher"-Maske selbst heruntergerissen. Und die ganze Welt sieht nun erste Reihe fußfrei zu, wie das Nationalismus-Rassismus-Populismus-Lügen-Kartenhaus jämmerlich in sich zusammenfällt, wie Fremdenfeindlichkeit ungehemmt losbricht und Junge sich ihrer Zukunft beraubt fühlen. Vielleicht findet sich nun jemand, der das Demokratieverständnis so auslegt, sich nicht wider besseres Wissen ans Votum zu halten. Zumal die Verantwortlichen sich selbst der Verantwortung entziehen. Warum sich an etwas gebunden fühlen, das jemand anderer verursacht hat?

Eine weitere Chance des Brexit ist eine Erschütterung der EU in ihren Grundfesten. Noch geben sich die EU-Granden kaltschnäuzig und geschlossen wie schon lange nicht, aber der Schock wird sich in einen Entwicklungsimpuls umwandeln müssen. Denn die EU-Führung hat den Kontakt zur eigentlichen EU, zu uns allen, verloren und steuert zusehends auf die eigene Unsteuerbarkeit zu. Die Schlussfolgerung sollte aber nicht der Ruf nach dem Ende der EU oder dem Austritt sein, sondern die beherzte Entwicklung einer Neuauflage. Der EU-Schönwettervertrag muss sturmfest gemacht werden, um die massiven Aufgaben gemeinsam zu meistern. Wer weiß, vielleicht gibt es am Ende ein gestärktes Europa mit einem großartigen Great Britain, das mit voller Kraft mitrudert, statt sich schwer zu machen im eh schon behäbigen Boot. Da wäre doch allen geholfen.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-07-06 16:11:05
Letzte ─nderung am 2016-07-06 16:22:18



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