• vom 19.03.2017, 08:00 Uhr

Brexit

Update: 19.03.2017, 14:13 Uhr

Brexit

"Cool Britannia" ist nicht mehr




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Von WZ-Korrespondent Robert Rotifer

  • Der Autor lebt seit Jahren als Musiker und Journalist in England und sieht seine Pop-Insel im Sinken begriffen.

- © Peter M. Hoffmann

© Peter M. Hoffmann



London/Canterbury. Es war die tote Zeit zwischen Soundcheck und Konzert, mein Bandkollege Darren und ich saßen im Pub, aßen Crisps (also das, was in deutschsprachigen Ländern verwirrenderweise "Chips" heißt) und redeten über die Übel der Welt. Die Auswahl war groß.

"Brexit Crisps", sagte ich, zeigte auf die Packung vor uns auf dem Tisch, und Darren wusste, was gemeint war.

"Oh, for fuck’s sake", sagte er.

Die Chips-Packung der Firma Corker’s ist eine von einem Grafiker knapp vor der Mittagspause zusammengeschusterte groteske Ansammlung schematischer Darstellungen britischer Klischees: Teekanne, Telefonzelle, Noel-Gallagher-Union-Jack-Gitarre, Cricket-Schläger, Mini und Melone. Auf der Rückseite ein Foto der zwei Firmengründer im Smoking mit Gummistiefeln, an einer Telefonzelle lehnend, Chips essend. Dazu der Slogan: "British Good Taste."

Vor zwanzig Jahren, als ich in dieses Land zog, wäre dergleichen vielleicht noch als ironisch durchgegangen. Das typisch britische Spiel mit der eigenen Nationalität, gedämpft durch ein selbstkritisches Augenzwinkern.

Brit-Kitsch nicht mehr harmlos

Nach dem Brexit-Votum sehen diese gewohnten Versatzstücke des Brit-Kitsches mit einem Mal nicht mehr ganz so harmlos aus. Seien es diverse Abwandlungen der kriegsnostalgischen "Keep Calm & Carry On"-Slogans auf unzähligen Touristen-Artikeln oder das Bier der Marke "Spitfire" mit dem Slogan "The Bottle of Britain" (eine doppelte Anspielung, einerseits auf die Battle of Britain, andererseits auf "bottle" als umgangssprachlicher Ausdruck für Mut), all das riecht neuerdings einigermaßen streng.

Es mieft nach schiefen Blicken auf Leute, die in fremden Sprachen reden, und dem arroganten Mantra der Brexit-Fraktion, dass die da drüben am Kontinent "uns mehr brauchen als wir sie".

Aber die Sorge ist nicht bloß, dass die Teewärmer und die T-Shirts in den Touri-Shops meiner Wahlheimat zu Ladenhütern werden können. Auf dem Spiel steht hier vielmehr einer der universellen Codes aus 50 Jahren Popkultur. Die Zerstörung des Stellenwerts Britanniens als globale Heimat des Pop wiegt gefühltermaßen noch weit schwerer als seine Rückkehr in eine vergessen geglaubte Welt der Zoll-Deklarationen und Arbeitsbewilligungen.

"Ich fürchte, dass der Union Jack in Zukunft nicht mehr als dieses unglaubliche Emblem der popkulturellen Befreiung angesehen werden wird", schäumte neulich mein Freund, der Bassist, DJ und Produzent Andy Lewis, "sondern als ein furchtbares, unterdrückerisches Symbol, so wie die Südstaatenfahne oder das Hakenkreuz. Etwas, das künftige Generationen von Punks in 50 Jahren als ironischen Kommentar über die Verkommenheit der

Gesellschaft verwenden werden."

Andy ist ein Veteran des Mod-Revivals der Achtzigerjahre und der späteren Britpop-Szene, er spielte in Bands wie Pimlico und Spearmint, später dann auch in Paul Wellers Live-Band, und gehört zur Clique rund um das Label Acid-Jazz-Records. Mitte der Neunziger übersetzte er als Mitbegründer des einflussreichen Londoner Clubs Blow Up den Geist der Sixties in die sogenannte Cool Britannia des anbrechenden, optimistischen Zeitalters einer neuen Labour-Regierung. Vor einem Vierteljahrhundert, in der Durchbruchsphase des Britpop, mischte er als Anheizer bei den Konzerten von Blur alte und aktuelle Platten zu seiner persönlichen Pop-Utopie zusammen. Dabei hatte er schon immer ein exotisches Faible für vergessene kontinentale Klassiker: holländische Bands wie Earth & Fire oder dänische wie Gangway, und dazwischen vielleicht Rare Grooves von Hildegard Knef ("Ferienzeit" zum Beispiel).

Andy ist so alt wie ich (47), er wuchs nicht in Wien, sondern in Watford auf, und doch eint uns eine Geschichte, die einmal wesentlich stärker war als unsere geografische Distanz. Als wir einander vor ein paar Jahren kennenlernten, brauchten wir uns das nicht zu erklären, es verstand sich von selbst. Die Sprache des Pop, wie sie vor fünf Jahrzehnten in Großbritannien geprägt wurde, hatte paradoxerweise immer eine britisch nationale Note. Sie hatte ihre ambivalenten Ursprünge Mitte der Sechziger, als ein 19-jähriger Pete Townshend seine Gitarre durch den über den Lautsprecher seines Verstärkerturms drapierten Union Jack rammte. Eine damals durchaus kontroverse Schändung, so wie auch die Idee, sich aus dem geheiligten Banner ein Sakko zu schneidern zu lassen. Townshend trug dieses schockierende Kleidungsstück 1966 bei einer Fotosession für die Beilage der Sonntagszeitung "The Observer". "Der Union-Jack-Hintergrund und das Jackett repräsentieren sowohl die punkige Subversion eines nationalen Symbols als auch ein ernsthaftes Statement über die Umdeutung eines muffigen, statischen, von Klassengegensätzen durchsetzten Landes als das internationale Zentrum einer synästhetischen Jugendkultur", schrieb der Kulturhistoriker und Pop-Journalist Jon Savage 2011 in einem Artikel zum 50. Jubiläum der wegweisenden Farbbeilage, "Das Foto sagt alles: Dies ist die Insel Pop."




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