• vom 31.08.2017, 17:45 Uhr

Brexit

Update: 01.09.2017, 19:24 Uhr

Interview

"Auf das Schlimmste vorbereiten"




  • Artikel
  • Lesenswert (8)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Siobhán Geets

  • Der Deloitte-Chefökonom in London glaubt weder an einen harten Brexit noch an ein zweites Referendum.

Ian Stewart ist Partner und Chefökonom bei Deloitte UK und befasst sich intensiv mit den möglichen Auswirkungen des Brexit. Er ist für den Deloitte CFO Survey verantwortlich und führt den wöchentlichen Wirtschaftsblog "Monday Briefing". Zuvor war er bei Merrill Lynch sowie als Sonderberater des Ministeriums für Arbeit und Pensionen tätig.

Ian Stewart ist Partner und Chefökonom bei Deloitte UK und befasst sich intensiv mit den möglichen Auswirkungen des Brexit. Er ist für den Deloitte CFO Survey verantwortlich und führt den wöchentlichen Wirtschaftsblog "Monday Briefing". Zuvor war er bei Merrill Lynch sowie als Sonderberater des Ministeriums für Arbeit und Pensionen tätig.

"Wiener Zeitung":Eine weitere Brexit-Verhandlungsrunde ist eben ohne große Fortschritte zu Ende gegangen. Wie soll es London und Brüssel bis zum EU-Austritt der Briten 2019 gelingen, auch nur ansatzweise so etwas wie ein Handelsabkommen zu vereinbaren?

Ian Stewart: In den vergangenen drei Monaten wurde deutlich, dass die britische Regierung eine Art Übergangsphase mit der EU anstrebt. Es scheint, als wollte sie für die Zeit bis zu den nächsten Wahlen 2022 eine Art Zollunion mit der EU - und vielleicht auch die weitere Mitgliedschaft im Binnenmarkt. Die großen Veränderungen würden erst danach kommen. Brexit-Minister David Davis hat klargemacht, dass er nicht zwei große Umwälzungsphasen 2019 und 2022 will. Das heißt nicht, dass ein zweites Referendum oder die Möglichkeit, dass Großbritannien 2019 ohne Abkommen aus der EU ausscheidet, ausgeschlossen werden können. Ich halte diese Szenarien aber für äußerst unwahrscheinlich.

Muss es so eine Übergangsphase geben, wenn ein unkontrolliertes Ausscheiden aus der EU verhindert werden soll?

Alles Nötige bis 2019 auszuverhandeln, ist völlig unrealistisch. Selbst der Zeitrahmen bis 2022 ist extrem ambitioniert. Allein die technischen und logistischen Herausforderungen, was die Zölle betrifft! Die EU-Kommission und Kanada haben sieben Jahre gebraucht, um sich auf ein Freihandelsabkommen zu einigen - und jenes mit Großbritannien ist viel größer, ein riesiges Unterfangen.

Bei einer Übergangsphase mit Verbleib in Zollunion und Binnenmarkt dürfte London die Rechte der EU-Bürger, in Großbritannien zu leben und zu arbeiten, nicht einschränken. Wird die Tory-Regierung da ihre Sturheit überwinden?

Migration war eines der großen Themen beim Brexit-Referendum. Bald wurde klar, dass die Regierung sich in Richtung Austritt aus dem Binnenmarkt bewegt, denn eine Teilhabe daran bedeutet auch Personenfreizügigkeit. Was sie betrifft, kann man aber kreativ sein. Sie lässt sich beenden, aber auch in einer anderen Form weiterführen, etwa für Menschen, die bereits einen Job oder ein bestimmtes Einkommen haben. Es gibt durchaus den Willen, weiterhin Fachkräfte einwandern zu lassen. Hier gilt ein Mindesteinkommen von rund 25.000 Pfund, was recht wenig ist. Es gibt also eine Grauzone zwischen Abschaffung und Beibehaltung der Personenfreizügigkeit.

Die britische Regierung scheint überhaupt keine Brexit-Strategie zu haben. Das verunsichert Unternehmen. Wie wird der EU-Austritt Großbritanniens sich auf die Wirtschaft des Landes auswirken?

Die Unsicherheit der Unternehmen ist mit dem Referendum stark gewachsen. Sie reduzierten ihre Ausgaben, wechselten zu defensiven Strategien. Nach dem Brexit-Votum vor einem Jahr sank das Vertrauen der Unternehmen massiv. Danach ist es wieder gestiegen, weil die Regierung den Eindruck machte, Pläne zu entwickeln. Nach den Neuwahlen im Mai, bei denen Premierministerin Theresa May hinter den Erwartungen blieb, gab es erneut einen Vertrauensverlust. Die Frage ist, ob es der Regierung und der EU-Kommission im nächsten Jahr gelingen wird, einen Plan vorzulegen, der zu einer Rückkehr des Vertrauens führt. Seit dem Referendum hat das Pfund 16 Prozent seines Wertes eingebüßt, die Inflation stieg an. Auf lange Sicht ist es schwierig zu sagen, wie sich die Wirtschaft entwickeln wird. Es gibt Schätzungen von 1,6 Prozent bis zwei Prozent Wachstum jährlich nach dem Brexit. Viele gehen davon aus, dass die Wirtschaftsleistung zunächst etwas zurückgeht. Langfristig kommt es darauf an, welche Handelsabkommen zustande kommen.

Viel Grund für Optimismus gibt es jedenfalls nicht. Wieso nutzen die Unternehmen ihren Einfluss nicht, um den Brexit noch zu verhindern?

Vor dem Referendum waren die meisten Unternehmen für den Verbleib in der EU, darunter auch Deloitte. Aber es gab eben ein Referendum. Eine kleine Mehrheit von 52 Prozent hat für den Brexit gestimmt, das Land war gespalten über dieser Frage. Das ist es auch, was die Regierung vor solche Probleme stellt: Die Minister müssen zusehen, dass sie Lösungen finden, die dem Ergebnis des Referendums entsprechen, ohne dabei die Handelsbeziehungen zur EU zu zerstören. Das stellt sie vor große Herausforderungen.

Die sie bisher nicht sehr gut zu meistern scheinen...

Naja, es hätte mich überrascht, wenn sie weiter gekommen wären. Allein die Zollunion ist eine Riesenbaustelle. In den Verhandlungen versuchen beide Seiten, ihre Vorteile zu maximieren. Sie werden nicht von Anfang an alle ihre Forderungen auf den Tisch legen, selbst wenn diese bereits klar sind. Die Briten wollen alles gleichzeitig verhandeln, während die EU zuerst das Finanzielle und die Bürgerrechte klären will. In Londons Augen ergibt das keinen Sinn, weil die Briten dann bei den Verhandlungen einen wichtigen Hebel verlieren.

Deloitte profitiert auch vom EU-Austritt...

(lacht) Das habe ich nicht gesagt!

Sie beraten Unternehmen bei ihren Vorbereitungen zum Brexit. Was sagen Sie ihnen?

Der Brexit stellt britische Firmen vor die größten Veränderungen seit dem Zweiten Weltkrieg. Sie müssen wissen, wie unsere Beziehungen zur EU sich künftig gestalten werden, welche Regulierungen sie wie treffen. Auch wenn ich das für unwahrscheinlich halte: Unternehmen müssen sich auf das Schlimmste vorbereiten, also auf ein ungeordnetes Ausscheiden aus der EU 2019. In einem Jahr werden wir wissen, ob es wirklich so kommen wird. Es wird auf jeden Fall weiterhin Handel mit der EU geben, doch im schlimmsten Fall gibt es wieder Zölle von bis zu zehn Prozent. Unseren Klienten sage ich, dass sie damit rechnen sollen, dass Großbritannien den Binnenmarkt verlässt, aber ein Freihandelsabkommen mit der EU abschließt.

Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass London die Unternehmenssteuer wie angekündigt auf 15 Prozent senkt?

Großbritannien wird alles tun, um seine Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Besteuerung ist hier ein Punkt. Großbritannien wird aber sicher kein zweites Hongkong vor der Küste Europas. Ich glaube allerdings, dass die Vereinfachung von Steuerregelungen genauso wichtig ist wie die Steuerrate selbst.





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-08-31 17:51:06
Letzte Änderung am 2017-09-01 19:24:00


Brexit

Bankaktien und Pfund geraten unter Druck

London/Wien. (da/reuters) Von einem "Fortschritt" sprach der britische Industrieverband CBI, nachdem die britische Premierministerin Theresa May den... weiter




Brexit

Wirtschaftstreibende stellen sich hinter May

May will weiter die Richtung vorgeben. - © AFP London. Die Stimmung in der britischen Wirtschaft ist so schlecht wie seit mindestens neun Jahren nicht mehr. Wie die am Montag vorgelegte... weiter




Brexit

Wie die Tories May zu Fall bringen können

20181119may - © APAweb, afp, Adrian Dennis London. In der Brexit-Debatte steht die britische Premierministerin Theresa May vor allem unter Druck ihrer eigenen Konservativen Partei... weiter




Brexit

EU will längeren Übergangszeitraum anbieten

20181119BREXIT - © APAweb / afp, Daniel LEAL-OLIVAS Brüssel/Wien. Die EU will Großbritannien die Möglichkeit eines längeren Übergangszeitraums zur Verhandlung eines Handelsabkommens mit der Europäischen... weiter




Verhandlungen

Es wird einsam um May

20181119May - © APAweb / Reuters, Toby Melville London. Den innerparteilichen Gegnern der britischen Premierministerin Theresa May fehlen einem Zeitungsbericht zufolge sechs Unterschriften für ein... weiter




Brexit

Die große Angst vor dem Peel-Moment

Sir Robert Peel, konservativer Premier bis 1846, wird als Schuldiger der Parteispaltung ausgemacht. - © Archiv London/Wien. Wenn Theresa May, die derzeit um ihr politisches Überleben kämpfende britische Premierministerin, etwas trösten mag... weiter




Europa

Harter Brexit käme die EU teuer

Noch ist es am Grenzübergang bei Calais ruhig. Das kann sich mit dem Brexit-Stichtag am 29. März auch schlagartig ändern. - © afp/Phillipe Huguen Brüssel. (reu/is) Wie ein Autofahrer, der auf eisglatter Fahrbahn die Kontrolle über sein Fahrzeug verliert und gegen die Leitplanke prallt... weiter




Brexit

Britische Minister verlangen Plan B

- © afp/Niklas Hallen London/Wien. Premierministerin Theresa May wird in Großbritannien von allen Seiten unter Beschuss genommen. Grund ist der Brexit-Deal mit der EU... weiter




Brexit

Wie es mit Theresa May und dem Brexit weitergeht

20181116greatbritain - © APAweb, afp, Ben Stansall London. Rücktritte, Machtkampf, Widerstand: Der vorläufige Brexit-Deal mit der Europäischen Union hat die britische Regierung in eine schwere Krise... weiter




Brexit

May kämpft um politisches Überleben

20181116may2 - © APAweb, Reuters, Peter Nicholls London. Die britische Premierministerin Theresa May kämpft nach einer Rücktrittswelle im Kabinett und zunehmendem Widerstand in ihrer Konservativen... weiter




Brexit

DUP fordert Ablösung Mays

20181116may - © APAweb, afp, Matt Dunham London/Brüssel. Im Brexit-Streit droht der britischen Premierministerin Theresa May neues Ungemach. Die konservative nordirische Democratic Unionist... weiter





Werbung




Werbung