• vom 15.06.2018, 16:12 Uhr

Buwog

Update: 15.06.2018, 16:45 Uhr

Vor Gericht

Der Prozess als PR-Bühne




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Von Daniel Bischof

  • Klassische Medien besitzen in der Gerichtsberichtserstattung nicht mehr die alleinige Deutungshoheit.

Betreibt auf seiner Website Lobbying in eigener Sache: Walter Meischberger.

Betreibt auf seiner Website Lobbying in eigener Sache: Walter Meischberger.© apa/Hochmuth Betreibt auf seiner Website Lobbying in eigener Sache: Walter Meischberger.© apa/Hochmuth

Wien. 40 Verhandlungstage hat der Buwog-Prozess mittlerweile hinter sich gebracht - und das mediale Interesse hält an. Eifrig wird aus dem Gerichtssaal getickert, jede Einvernahme des angeklagten Walter Meischberger genauestens durchleuchtet. Wie hat er sich heute geschlagen? Wie ist er rübergekommen? Geriet er in Erklärungsnot? Doch die mediale Deutungshoheit über diese Fragen, nicht mehr länger steht sie nur den Journalisten zu. Die Angeklagten schlagen zurück.

Auf seiner Website "www.derbuwogprozess.at" präsentiert Meischberger seine Sicht der Dinge. Auf der von einer Wiener PR-Agentur gestalteten Homepage werden Journalisten und Medien gerügt, die laut Meischberger einseitig und falsch über die Causa berichten. Ausführlich wird unter anderem auf angebliche Freimaurer-Verschwörungen in Justizkreisen eingegangen.


Bereits im Vorfeld der Hauptverhandlung präsentierten die Verteidiger von Karl-Heinz Grasser ein medienrechtliches Privatgutachten. Grasser und andere Angeklagte seien die Opfer einseitiger Enthüllungsberichterstattung, medialer Vorverurteilungen und falscher Behauptungen, so die Conclusio. Das Gutachten wurde nicht nur groß in allen Medien behandelt, sondern auch dem Gericht übermittelt.

Einfluss auf Strafhöhe
Mit diesen Vorstößen rückt eine Kommunikationsstrategie in den Vordergrund, die in Österreich im Kommen ist: die Litigation-PR, die Öffentlichkeitsarbeit während und nach Gerichtsverfahren. Mit ihrer Hilfe wollen Anwälte und PR-Agenturen die öffentliche Meinung und Berichterstattung beeinflussen - zugunsten ihres Mandanten.

"Es geht darum, die Position der betroffenen Person oder des Unternehmens so in die Öffentlichkeit zu tragen, dass sie gehört und verstanden wird", erklärt Bernhard Krumpel, Berufsgruppensprecher der PR-Berater. Letztlich solle dadurch die Reputation des Mandanten geschützt werden. "Auch nach dem Prozess soll beispielsweise ein berufliches Fortkommen möglich sein."

Doch nicht nur zur reinen Reputationspflege wird die Litigation-PR verwendet. Die gelungene Öffentlichkeitsarbeit kann in einzelnen Fällen auch direkt das Urteil beeinflussen. Das zeigt eine 2008 erschienene Studie des Kommunikationswissenschafters Hans Mathias Kepplinger. Er hat 447 Richter und 271 Staatsanwälte in Deutschland befragt.

Zwar sieht kaum jemand von ihnen einen Einfluss der Medienberichte auf die Schuldfrage. 25 Prozent der Richter und 37 Prozent der Staatsanwälte sind jedoch der Meinung, dass die Berichte die Strafhöhe beeinflussen. Neun Prozent der Richter haben bei Verfahren, die in den Medien besonders umstritten waren, "intensiv" an die Akzeptanz ihres Urteils in der Öffentlichkeit gedacht - 43 Prozent "ein wenig".

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-15 16:19:25
Letzte Änderung am 2018-06-15 16:45:04


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