• vom 28.05.2012, 17:49 Uhr

Cannes

Update: 11.05.2015, 12:46 Uhr

Nachlese 2012

"Kunst muss Zumutung sein"




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Von Alexandra Zawia und Matthias Greuling aus Cannes

  • Cannes-Gewinner im Interview: Michael Haneke über seinen bisher emotionalsten Film "Amour".

Cannes. Im brillant gespielten Drama "Amour" begleitet ein altes Ehepaar einander in den Tod: Georges (Jean-Louis Trintignant) pflegt seine Frau Anne (Emmanuelle Riva) nach ihrem Schlaganfall durch ihre fortschreitende Demenz und ihren Verfall. Michael Hanekes packend unsentimentaler Film basiert auf persönlicher Erfahrung mit dem Sterben.

"Wiener Zeitung": Welche Einstellung haben Sie zum Tod?

Audrey Tautou (r.) und Adrien Brody überreichten Michael Haneke die Goldene Palme.

Audrey Tautou (r.) und Adrien Brody überreichten Michael Haneke die Goldene Palme.© EPA Audrey Tautou (r.) und Adrien Brody überreichten Michael Haneke die Goldene Palme.© EPA

Michael Haneke: Meine Einstellung zum Tod ist eine zwiespältige. Er ist bitter für jene, die er aus der Blüte ihres Lebens reißt, und er ist vielleicht erlösend für manche, die leiden. Alt wird jeder, der Verfall im Alter ist ein Thema, das wirklich jeden einmal betrifft. Und trotzdem verbannt die Gesellschaft alles, das mit "alt" zu tun hat, aus dem Gesichtskreis, es findet alles hinter verschlossenen Türen statt, das ist schrecklich. Auch dieser Film wird das nicht ändern. Die Frage ist: Wie gehe ich als Individuum damit um, wenn ein Mensch, den ich liebe, leidet? Vor zehn Jahren hätte ich diesen Film vermutlich anders gemacht, aber nun liegt ihm eine Geschichte zugrunde, die in meiner Familie stattgefunden hat und für mich eine sehr schmerzvolle Erfahrung war.


Erzählen Sie bitte von der Wohnung, in der der Film spielt: Sie schreiben ihr hier eine eigene Rolle zu.

Der Grundriss des Apartments ist die Wohnung meiner Eltern in Wien, den wir nach Paris transferiert haben und entsprechend französisch eingerichtet haben, weil es mir beim Schreiben leichter fällt, einen konkreten Ort vor Augen zu haben. Was aber nicht bedeutet, dass die Geschichte, die ich in "Amour" erzähle, irgendetwas mit meinen Eltern zu tun hat. Aber mir half die bekannte Geografie beim Erfinden der Details zu diesem Film. Ich arbeite mit Prävisualisierung, das heißt, ich plane jede Einstellung bereits zuhause in einem Modell und weiß daher, wann wo welche Kamera steht am Set. Der Erfolg eines Films liegt einzig und allein in seiner genauen Vorbereitung, das versuche ich auch meinen Studenten klarzumachen. Dass man als Regisseur ans Set kommt und denkt, man lässt sich dort einfach inspirieren, daran glaube ich nicht.

Glauben Ihre Figuren an etwas?

Das weiß ich nicht. Ich begleite zum Beispiel Georges in diesem Film nur in jenen Szenen, die im Film sind. Was er sonst tut, weiß ich nicht.

In einer Szene hört Georges zum Beispiel den Bach-Choral "Ich ruf zu dir Herr Jesu Christ" . . .

. . . und er bricht ihn ab. Die Hauptfiguren sind ehemalige Musiklehrer, gebildet, aus Ihrem typischen Bürgertum-Setting. Das hat damit zu tun, dass ich dieses Milieu am besten kenne. Für diesen Film war es aber auch eine sehr bewusste Entscheidung, denn ich wollte kein Sozialdrama machen. Das Problem, mit dem die Figuren konfrontiert sind, ist gleich groß, egal, ob sie reich oder arm sind, gebildet oder nicht.

Was ist Ihre Haltung zum Thema Sterbehilfe?

Eine private. Mein amerikanischer Verleiher hat mir gesagt, dass es sein könnte, dass der Film deswegen zu Debatten führen könnte. Darüber freue ich mich natürlich sehr, denn wenn etwas zu Debatten führt, heißt das, die Leute denken über etwas nach. Aber ich werde mich sicher nicht in diese Debatte einmischen.

Ihre Filme werden oft als "Zumutungskino" beschrieben.

Dagegen habe ich gar nichts, weil ich glaube, dass Kunst eine Zumutung sein sollte. Kunst versucht, sich mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen - und die Wirklichkeit ist ja eine Zumutung, das tägliche Leben ist auch eine Zumutung. Wenn Kunst den Namen verdient, muss sie eine Zumutung sein. Das heißt ja nicht, dass ich jemandem ununterbrochen auf die Zehen steigen soll, aber wenn ich etwas sagen will, das jemand hören soll, aber bemerke, dass niemand zuhört, muss ich eben Mittel finden, dass die Leute zuhören.

Sie haben erst 2009 mit "Das weiße Band" die Goldene Palme gewonnen. Wie wichtig sind Ihnen solche Auszeichnungen?

Es wäre verlogen, zu sagen, Preise sind mir wurscht. Sie sind schon wichtig, denn der Erfolg deines letzten Films bestimmt immer die Arbeitsbedingungen des nächsten, also muss man dieses Spiel mitspielen. Natürlich ist es aber auch angenehm, wenn die Leute etwas gut finden, man arbeitet ja auch für die Anerkennung. Sonst könnte man ja zuhause bleiben und nichts tun.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2012-05-28 17:56:10
Letzte Änderung am 2015-05-11 12:46:02


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