• vom 15.05.2015, 12:01 Uhr

Cannes

Update: 03.05.2016, 12:10 Uhr

Film

Von Hummern und anderen Familienmitgliedern




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Von Alexandra Zawia, Cannes

  • Die Wettbewerbsbeiträge "Our Little Sister" und "The Lobster" interessieren sich beide für die Frage nach der Herstellbarkeit von Gefühlen.

Es macht glücklich, wenn man drauf schaut, dass man’s hat, wenn man’s braucht. Ehrenwert, wer nun an Geld denkt, tatsächlich sind es aber vor allem: Beziehungen. Zwischenmenschliche Konstellationen, nicht nur die zum eigenen Vorteil, sondern besonders jene, die man sich nicht aussuchen kann, formen die zentralen dramatischen Motive in zwei der besseren Cannes-Wettbewerbsbeiträge bisher.

"Our Little Sister", der neue Film des japanischen Regisseurs Hirokazu Kore-Eda, handelt von drei Schwestern in ihren Zwanzigern, die beim Begräbnis ihres vor langer Zeit fort gegangenen Vaters erfahren, dass sie noch eine kleine Halbschwester, Suzu, haben, die sie bei sich aufnehmen.


Oft und scheinbar spielerisch bewegen sich Kore-edas Filme im Familienkosmos, wie er durch eine Kultur definiert ist, in der man nicht alles ausspricht. So lässt sich auch dieser Film, wie gerade auch sein vorangegangener mit dem Titel "Fathers and Sons",  leicht als zu niedlich oder zu oberflächlich missverstehen, doch wenn hier etwa innerhalb eines nur kurzen, dramatischen Moments eine immens wichtige Lebensentscheidung getroffen wird, feiert Kore-eda nicht den Schmerz, sondern das Leben, und dann ist es manchmal eben "schön anzusehen", wie vergangene Wunden in der Erinnerung für immer noch ein wenig weiterbluten.

Diese nach außen strahlende Leichtigkeit, die innere wie verinnerlichte Schattenseiten der Figuren formal und visuell überlagert, ist bei Kore-eda kunstvoll erarbeitet und souverän gehalten, und sie gründet stark in der allwissenden Erzählperspektive, durch die man in diesem Film auf ein vielschichtiges Familiengefüge blicken kann, ohne dennoch nicht alles dargelegt zu bekommen. Mögliche Antworten und Fragen über Sicherheiten und Definierbarkeit von Zusammengehörigkeit sind bewusst jener hintergründigen Diffusion überlassen, wie sie Gefühle nun einmal mit sich bringen.

Ein Regime der Klarheit und Planbarkeit dagegen bestimmt die Welt, in der David (Colin Farrell) sich in Yorgos Lanthimos neuem Film "The Lobster" befindet. Als Single musste er sich vor kurzem den Behörden stellen und in ein ganz besonderes Hotel einchecken. "Zimmer 101", wie David dort genannt wird, hat nun 45 Tage Zeit, unter den anderen "Gästen" eine Partnerin zu finden, sonst wird er nach Ablauf dieser Frist in ein Tier seiner Wahl verwandelt. David sucht sich den Hummer aus, weil der "sehr lange lebt und immer fruchtbar bleibt". Sich unter den Anwesenden nicht mit einem Tier zu verbinden, das nicht zu ihm passen würde, wird er noch von der ominös-herrischen Hotel-Managerin angewiesen: "Eine Giraffe und ein Pinguin könnten doch niemals zusammen sein." Davids Bruder, mittlerweile ein Hund, bellt kurz auf.

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Schlagwörter

Film, Filmfestival Cannes, Cannes

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Dokument erstellt am 2015-05-15 20:48:13
Letzte Änderung am 2016-05-03 12:10:05


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