• vom 09.05.2018, 07:41 Uhr

Cannes

Update: 09.05.2018, 10:43 Uhr

Cannes 2018

Thriller-Kunst und Netflix-Frust




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Von Matthias Greuling aus Cannes

  • Das Festival in Cannes hat mit "Everybody Knows" von Asghar Farhadi eröffnet - und legt sich mit Netflix an.

Gruppenbild mit Dame: Penelope Cruz mit Javier Bardem (ganz links), Regisseur Asghar Farhadi (2. von links) und Schauspieler Ricardo Darin. - © Katharina Sartena

Gruppenbild mit Dame: Penelope Cruz mit Javier Bardem (ganz links), Regisseur Asghar Farhadi (2. von links) und Schauspieler Ricardo Darin. © Katharina Sartena

Für geübte Thriller-Fans ist der Twist, auf den Asghar Farhadis neuer Film "Everybody Knows" hinausläuft, nach etwa einer halben Stunde herausgefunden; was aber nicht heißt, dass man dem weiteren Verlauf der Inszenierung nicht gespannt folgen würde (man könnte sich ja auch irren). Farhadi, dieser mehrfach hochdekorierte iranische Regisseur, der 2011 für "Nader und Simin" und 2017 für "The Salesman" je einen Oscar erhielt, kehrt mit "Everybody Knows" in den Wettbewerb des Festivals von Cannes zurück, und eröffnete heuer die Filmschau.

Farhadi hat für seinen Film die zwei größten Stars des spanischen Kinos besetzt: Im echten Leben sind Penelope Cruz und Javier Bardem wirklich ein Paar, im Film spielen sie die ehemals innig Liebenden Laura und Paco, die sich aber vor langer Zeit getrennt und eigene Familien gegründet haben.
Ebendiese Familien kommen nun zur großen Hochzeit von Lauras Schwester zusammen, und als während der Hochzeit Lauras Tochter entführt wird, entfacht das nicht nur eine beklemmende Suche nach dem Täter, sondern dekonstruiert schrittweise auch die Großfamilie, bei der so manch vergessen geglaubter Schatten aus der Vergangenheit wieder auftaucht.

Farhadi inszeniert packend, aber routiniert; "Everybody Knows" wirkt auch wie die Visitenkarte eines Regisseurs, der endlich international arbeiten möchte - die US-Filmindustrie ist dabei ganz offensichtlich sein Ziel, denn so wie Farhadi seinen Thriller anlegt, entspricht dieser - bei allem Arthaus-Anspruch - zuallererst den Sehgewohnheiten eines verwöhnten Krimi-Publikums. Farhadi war immer ein sehr zugänglicher Regisseur, aber "Everybody Knows" ist bis dato sein mehrheitsfähigster Film geworden, was auch an der Starbesetzung liegen und dem Genre geschuldet sein mag.

Eiszeit zwischen Cannes und Netflix

Für das Festival von Cannes stand in einem recht star-armen Jahr somit ein einigermaßen attraktiver Eröffnungsfilm zur Verfügung, nachdem sich Festivalleiter Thierry Frémaux erst kürzlich gegen eine Teilnahme von Netflix ausgesprochen hatte. Dort wollte man etliche starbesetzte Filme, die man nach Cannes eingereicht hätte, gleich auch online auf der eigenen Plattform auswerten, doch das Festival beharrt auf seinen Statuten, wonach Wettbewerbsbeitrage frühestens drei Jahre nach ihrer Cannes-Premiere online gezeigt werden dürfen. Das verärgerte Netflix so sehr, dass man auch das Angebot ausschlug, die Filme außer Konkurrenz zu zeigen.

Und so herrscht erst einmal Eiszeit zwischen dem weltbekanntesten Filmfestival und dem weltbekanntesten Streaming-Dienst. "Wir wollen das Kino feiern", und das ginge eben nicht, wenn man Filme bloß auf Smartphones oder Tablet schaue, meinte Frémaux im Vorfeld des Festivals. Und Netflix ließ ausrichten, sich selbst als die Zukunft des Kinos zu sehen, "und wenn Cannes sich entscheidet, an der Vergangenheit zu hängen, dann ist das so", meinte Netflix-Programmchef Ted Sarandos.

Keine Pressevorstellungen

Die Eiszeit schwappt derweil auch auf die anwesende Presse über, die nicht glauben kann, dass Frémaux ihr das Vorrecht entzogen hat, die Filme in eigenen Pressevorstellungen noch vor den Premieren zu sichten. Stattdessen finden diese Screenings nun parallel zur Premiere statt - in kleineren Sälen, was die Premierenberichterstattung aus Cannes erheblich erschwert und verzögert. Die befürchteten Tumulte sind zum Auftakt allerdings ausgeblieben, weil sich die Journalisten auf mehrere Vorstellungen verteilten.

Und überhaupt: So ganz konnte man den Eindruck nicht loswerden, dass bei diesen Filmfestspielen nicht nur weniger Pressevertreter, sondern insgesamt auch substanziell weniger Besucher und Fans angereist sind. Kann es denn sein, dass die Daheimgebliebenen alle nur mehr Netflix schauen?





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-09 07:42:35
Letzte Änderung am 2018-05-09 10:43:49


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