• vom 11.05.2018, 15:57 Uhr

Cannes

Update: 11.05.2018, 16:31 Uhr

Cannes

"Kein Kontakt zur Außenwelt"




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Von Matthias Greuling

  • In Cannes feierte "Leto" des russischen Regie-Stars Kirill Serebrennikov Premiere. Ohne den Regisseur, der im Hausarrest sitzt.

Der russische Filmproduzent Ilya Stewart beim Festival in Cannes. - © Katharina Sartena

Der russische Filmproduzent Ilya Stewart beim Festival in Cannes. © Katharina Sartena

Cannes. "Ich glaube nicht an eine politische Verschwörung", sagt Ilya Stewart. Der Russe mit australischen Wurzeln ist Produzent des Cannes-Wettbewerbsbeitrags "Leto" von Kirill Serebrennikov. Der Regisseur konnte nicht zur Premiere anreisen, er steht in seiner Heimat unter Arrest. "Was ihm angelastet wird, ist mehr als lächerlich", meint Stewart. "Aber das können natürlich nur die Gerichte entscheiden, dem kann ich nicht vorgreifen". Serebrennikov wurde drei Tage vor Ende der Dreharbeiten von "Leto" quasi über Nacht inhaftiert, "am Abend saßen wir noch zusammen, in der Früh war er weg", so Stewart. "Man brachte ihn von St. Petersburg nach Moskau, wo er befragt wurde".

Dem Star-Regisseur, der vor allem am Theater große Erfolge feierte und zuletzt mit einer umjubelten Ballett-Inszenierung zum Leben von Rudolf Nurejew Aufsehen erregte, wird vorgeworfen, Subventionsgelder veruntreut zu haben, was sein Produzent als "völligen Unsinn" abtut. Fakt ist aber, dass Serebrennikov bis auf weiteres in Hausarrest sitzt - der Prozess gegen ihn, der im Juli beginnen soll, könnte am Ende dramatische Folgen haben: Serebrennikov drohen bis zu zehn Jahren Haft. Dass selbst Präsident Putin bedauerte, in der Angelegenheit nicht helfen zu können, weil er "der Justiz nicht vorgreifen" könne, wird international als Zeichen gedeutet, Russland wolle Serebrennikov als unbequemen Künstler mundtot machen, doch das bezweifelt Produzent Ilya Stewart: "Ich kann mir das nicht vorstellen. Immerhin vertritt ‚Leto‘ Russland offiziell in Cannes, und wird auch von den staatlichen Stellen mit viel Stolz präsentiert."


Keine Fördergelder
Fördergelder erhielt das Projekt jedoch keine. "Es ist mit privaten Investoren entstanden", sagt der Produzent. Dass der Inhalt des Films die Gemüter erhitzen könnte, gilt ebenso als unwahrscheinlich: Der Film erzählt von der Underground-Rockszene im Leningrad der frühen 80er Jahre, kurz bevor die Perestroika begann. Er zeigt, wie der junge Viktor Tsoi zu einem der berühmtesten und beliebtesten Musiker Russlands aufstieg, umgeben von Einflüssen aus dem Westen: Led Zeppelin oder David Bowie zu hören, das war damals für die Russen ein seltenes Privileg. Und bei den Rockkonzerten der damaligen Zeit war es außerdem verboten, zu klatschen oder zu jubeln. Musik für eine Stille Masse, sozusagen.

"Leto" (zu Deutsch "Sommer") ist ein Stimmungsbild des alten Russland, einer UdSSR kurz vor dem Beginn des Umdenkens, das schließlich zu seiner Auslöschung führte. Der 48-jährige Serebrennikov schnitt den Film in völliger Abgeschiedenheit, weil er seit seinem Arrest keinerlei Kontakt zur Außenwelt haben darf: kein TV, kein Internet, keine Besucher, kein Telefon. "Irgendwann kommt der Tag, da wird Kirill wieder frei sein", ist Stewart überzeugt. "Und das Erste, was ich dann mache, ist: Mit ihm über weitere neue Filme zu sprechen."


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-11 16:04:44
Letzte Änderung am 2018-05-11 16:31:30


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