• vom 19.05.2018, 08:35 Uhr

Cannes

Update: 19.05.2018, 08:41 Uhr

Cannes 2018

Don Quixote reitet (endlich) nach Cannes




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Von Matthias Greuling

  • Terry Gilliams Langzeitprojekt ist endlich fertig und beschließt das Festival von Cannes.

"In Wahrheit steht und fällt dieser Film mit seiner Besetzung", ist Terry Gilliam überzeugt. - © Katharina Sartena

"In Wahrheit steht und fällt dieser Film mit seiner Besetzung", ist Terry Gilliam überzeugt. © Katharina Sartena

Adam Driver.

Adam Driver.© Katharina Sartena Adam Driver.© Katharina Sartena

"Und jetzt, nach 25 Jahren Herstellungszeit, sehen sie endlich": "The Man Who Killed Don Quixote". Dieses schlichte Insert steht ganz am Anfang von Terry Gilliams Langzeitprojekt, das er über das letzte Vierteljahrhundert nicht und nicht zustande gebracht, es aber nun endlich fertiggestellt hat. "Ich bin erleichtert", sagt Gilliam im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Es ist, wie wenn ich endlich angekommen wäre".

Gilliam hätte das Projekt um einen Filmregisseur, der ‚Don Quixote‘ verfilmen möchte, dabei in ein Zeitloch fällt und 400 Jahre in der Vergangenheit wieder herauskommt, wo er dann zahllose Abenteuer erlebt, gerne in der geplanten Ur-Besetzung mit Jean Rochefort und Johnny Depp (als Sancho Panza) gedreht. Die Dreharbeiten begannen im Jahr 2000, wurden aber nach wenigen Tagen abgebrochen: Einerseits war Rochefort erkrankt, andererseits haperte es an der Finanzierung. Das gedrehte Material fiel rechtemäßig an eine deutsche Versicherungsfirma. Zeitgleich dokumentierte ein Filmteam das Scheitern der Dreharbeiten, woraus später die Doku "Lost in La Mancha" (2002) entstand. Erst 2006 waren rechtliche Streitigkeiten mit der Versicherungsfirma beigelegt, und Gilliam versuchte einen zweiten Anlauf, diesmal mit Robert Duvall statt Rochefort und Ewan McGregor statt Depp.

Wieder gab es finanzielle Probleme, obwohl das Budget ohnehin schon von 35 auf 20 Millionen Dollar gekürzt worden war. Bis 2010 passierte nichts, danach wurde der Drehstart immer wieder verschoben. Und Terry Gilliam? "Ich war immer noch überzeugt, damit den besten Film meines Lebens zu drehen".

Was lange währt, wir endlich gut: Im Juni 2017 fing Gilliam endlich an zu drehen, diesmal mit Jonathan Pryce als Don Quixote und Adam Driver als dem verrückten Regisseur. Das Resultat ist ein hysterisches, Gilliam-typisches Abenteuer- und Verwirrspiel mit vielen Referenzen an die Vorlage und teils haarsträubenden Twists, ausladender Action und unzähligen absurd komischen Momenten. Mittendrin zeigt Adam Driver größte Spielfreude, an seiner Seite fällt auch die portugiesische Schauspielerin Joana Ribeiro auf, die das Zeug zu einer internationalen Karriere à la Pénelope Cruz haben dürfte.

"In Wahrheit steht und fällt dieser Film mit seiner Besetzung", ist Terry Gilliam überzeugt. "Und ich hatte niemals an einen Typen wie Adam Driver gedacht, niemals!". Driver sei ihm empfohlen worden, und beim gemeinsamen Lunch sei der Funke übergesprungen, so Gilliam. "Ich saß da, sah ihm zu, wie er dieses Funkeln in den Augen bekam, und ich wusste: Er ist es. Mit ihm würde ich es endlich schaffen, diesen Film zu drehen. Es ist ein magischer Moment gewesen".

"The Man Who Killed Don Quixote" läuft beim Filmfestival in Cannes als Abschlussfilm. Bis kurz vor Beginn des Festivals war unklar, ob der Film überhaupt gezeigt werden darf. Denn am Horizont waren längst neue Schwierigkeiten aufgetaucht: Der Produzent Paulo Branco, der 2016 an Bord des Langzeitprojekts ging und dadurch Rechte am Film erwarb, klagte gegen das Screening in Cannes, weil er sich seiner Rechte beraubt sah. Ein französisches Gericht entschied erst nach Festivaleröffnung, dass der Film gezeigt werden darf; die kommerzielle Auswertung des Films ist davon aber nicht betroffen, hier tobt weiterhin ein Rechtsstreit. Gilliam ist dennoch erleichtert: "Ich kann gar nicht sagen, wie glücklich ich bin". Und das Festival in Cannes ist es auch: Hätte man anderenfalls doch innerhalb von zehn Tagen einen neuen Film für den prestigeträchtigen Abschlussabend finden müssen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-05-19 08:36:02
Letzte Änderung am 2018-05-19 08:41:28


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