Gewöhnlich haben die Figuren des österreichischen Zeichners Nicolas Mahler keine Augen. Nun hat er einen ganzen Band mit Augen, Nase, Mund gezeichnet. Für seine Hommage an Romy Schneider (1938 bis 1982) zu ihrem 40. Todestag hat sich der Comicstar und Filmliebhaber alle Filme der schillernden österreichischen Schauspielerin noch einmal angesehen. Die 58 überspitzten Zeichenporträts in Tusche und (meist) in kontrastreicher Kolorierung bewegen sich zwischen Filmstill und Plakatkunst und bilden mit dem jeweiligen Filmtitel in stets wechselnden Schriftzügen eine Einheit.

Eine außergewöhnliche Hommage: "Romy Schneider" von Nicolas Mahler. - © Nicolas Mahler
Eine außergewöhnliche Hommage: "Romy Schneider" von Nicolas Mahler. - © Nicolas Mahler

Mahler hat außerdem zu jeder Zeichnung eine Textseite gestaltet: Neben Informationen und ausgesuchten Zitaten zum Film gibt es Zeichnungen zu Ko-Stars. Raum für Witz bieten auch die vom Autor erfundenen Kategorien wie "Der Film in einer Dialogzeile", "Nerd-Wissen", "Spoiler" und Ähnliches. Die Schauspielerin "vom netten Hascherl"-Image (Helmut Berger) zu erlösen, war nicht Mahlers Absicht, das erledigen jedoch Zitate wie dieses von Schneider selbst: "Ersauft mit eurem Romichen. Fuck yourself mit Zitterspiel . . ." Die "Wiener Zeitung" hat mit Mahler darüber gesprochen.

Nicolas Mahler. - © M. Werner / Tsui
Nicolas Mahler. - © M. Werner / Tsui

"Wiener Zeitung": Wie ist es zu diesem Buch gekommen?

Nicolas Mahler:Ich wollte etwas mit Filmen machen. Ausgangspunkt, glaube ich, waren ein paar Zitate. Einmal sagt Romy Schneider, sie ist jetzt 40 Filme alt. Diese Identifikation mit der Arbeit hat mich interessiert. Das Zweite ist, dass sie sehr streng war mit den Filmen, in denen sie mitgespielt hat.

Warum gerade Romy Schneider? War es ein persönliches Anliegen?

Nein, überhaupt nicht. Mich interessieren Werkabläufe. Wie ist das mit Höhen und Tiefen? Ich habe mir diese Filmografie angeschaut und gedacht, die ist schon sehr eigenartig und kaum vergleichbar mit anderen, weil in einem relativ kurzen Zeitraum so unglaublich viel passiert ist.

Hat sich Ihr Bild von Romy Schneider inzwischen verändert?

Das ist schwer zu sagen. Ich hatte ja nur einen einzigen Film im Kino gesehen, "Der Prozess" von Orson Welles. Die "Sissi" habe ich eher so vom Wegschauen gekannt, und natürlich ein paar von diesen französischen Filmen vom Fernsehen.

Gibt es ein Bild der Schauspielerin, das Sie verändern wollten?

Nein. Ich wollte sie weder rehabilitieren noch ein anderes Bild von ihr schaffen. Ich wollte mir nur das Werk noch einmal anschauen und das herausnehmen, was mich daran interessiert.

War es Ihr Anspruch, Schneiders Rollen jeweils in einer Zeichnung einzufangen?

Ja, es sind auch nicht Porträts von ihr, sondern Zeichnungen ihrer Filmrollen. Das ist schon auffallend bei ihr, dass sie in jedem Film anders ausschaut. Und dann ist da noch die Typografie. Mir ist die Typografie genauso wichtig wie die Figur der Romy Schneider.

Sie meinen die Filmtitel zu den Zeichnungen, die jedes Mal einen anderen Schriftzug haben?

Genau. Typografie ist total zeitgebunden. Wenn ich mir allein die Typografie im Vorspann anschaue, weiß ich relativ genau, in welchem Jahrzehnt wir sind. In dieser Zeit hat sich wirklich viel geändert. Deswegen habe ich zu jedem Porträt die Typografie nachgezeichnet.

Ein bisschen bleibt der Eindruck des Traurigen hängen.

(Blättert im Buch.) Ach, immerhin ende ich mit einem Lächeln im Gesicht. (Blättert weiter.) Es stimmt, sie lächelt eigentlich so gut wie nie. Bei den Komödien lächelt sie. Na ja, es entspricht schon den Filmen. Also, das war natürlich auch das Interessante an der Biografie, dass sie jedes Genre bedient hat. Außer Western, Superhelden- und Monsterfilmen ist eigentlich alles drin. Aber sie war keine Komödiantin. Zu Claude Chabrol hat sie gesagt, sie muss ihn vor sich warnen: Sie ist eine Person ohne jeden Humor. Doch das stimmt nicht ganz. Ab einem gewissen Zeitpunkt war sie ziemlich zornig. Und dieser Zorn ist schon ganz lustig.

Auch die Farben wirken dem traurigen Blick entgegen . . .

Je nachdem, ob es ein Farb- oder ein Schwarz-Weiß-Film ist. Aber die Farbgebung entspricht in etwa der Farbgebung in den Filmen. Es war mein Ziel, dass man an Elementen wie Farbe und Schriftzug merkt, wie sich die Zeit geändert, was sich getan hat.

Sie sind in erster Linie Comiczeichner. War diese Arbeit für Sie eine Entspannungsübung?

Ja, schon. Im Vergleich zum Comiczeichnen sind Illustration oder Karikatur ein absolutes Kinderspiel. Comiczeichnen ist sicher mit Abstand das Härteste, was man als Zeichner machen kann. Da braucht man sehr viel Geduld und Zeit und Energie.

Sie sind Kinoliebhaber. War das eine Gelegenheit, in die Rolle des Kritikers zu schlüpfen?

Nein, gar nicht. Mir war schon von Anfang an klar, dass ich die Filme nicht werten möchte. Es gibt natürlich Hinweise zwischen den Zeilen, und die kommen meist von Zitaten.

Trotzdem: Welcher Romy-Schneider-Film ist der beste? Welcher der entsetzlichste?

Das ist schwierig. Vielleicht "Die Dinge des Lebens". Der schlechteste ist wahrscheinlich "Bloomfield". Beide 1970, im selben Jahr.