Aus einer Welle löst sich ein weißes Pferd, aus dem sich später ein schwarzes monsterhaftes männliches Wesen herausschälen wird. In André Breinbauers Comic-Debüt, "Medusa und Perseus", lassen sich derlei Metamorphosen zeichnerisch wunderbar nachzuvollziehen. Der schwarze bärtige Klumpen ist Poseidon, der griechische Gott des Meeres, auch Pferdegott, der gern in Hengstgestalt erscheint, um sich an Frauen zu vergreifen.

Der 49-jährige, in Wien lebende deutsche Zeichner und langjährige Comiclehrer an der Zeichenfabrik im 15. Bezirk hat sich an eine brisante Episode der griechischen Mythologie herangewagt. Meist sind es nur Bruchstücke der Geschichte von "Perseus und Medusa", die sich im kollektiven Gedächtnis festgesetzt, aber umso fester darin verwurzelt haben: das Bild des Perseus mit dem Schlangenhaupt der Medusa in seiner ausgestreckten Hand und deren fratzenhaftes Gesicht mit herausgestreckter Zunge, ein Bildnis des Schreckens wie der Abschreckung.

Fatalerweise hat dieses Bild Jahrtausende des sich seiner hehren Werte rühmenden Abendlandes geprägt: eine Frau, zur Strafe von einer Göttin in ein hässliches Scheusal verwandelt, dessen Anblick den Betrachter in Stein verwandelt. Warum eigentlich? Spricht der griechische Dichter Hesiod noch von "Verführung" oder "Liebesspiel" zwischen Poseidon und Medusa, so benennt Ovid die gewaltsame Begegnung im Tempel der Athene acht Jahrhunderte später in seinen "Metamorphosen" als "Entehrung", im heutigen Sprachgebrauch Vergewaltigung. Medusa, Opfer eines ruchlosen mächtigen Gottes, wird ein zweites Mal zum Opfer der Bestrafungen Athenes. Doch dieser Umstand wird noch weitere zwei Jahrtausende verschwiegen werden, in denen die Gorgone als misogynes Frauenbild herhalten muss: als Inbegriff patriarchaler Projektionen.

Erst feministische Autorinnen des 20. Jahrhunderts haben das Schweigen gebrochen und Medusa in ein anderes Licht gerückt. Seither gilt sie als Sinnbild einer Geschlechterordnung, in der der Frau gerade mal der Platz "zwischen Medusa und Abgrund" eingeräumt wird, wie es die französische Philosophin Hélène Cixous in ihrem bahnbrechenden Essay "Das Lachen der Medusa" (1975) pointiert zum Ausdruck brachte.

Auf diesem schillernden wie komplexen Hintergrund ist Breinbauers Comic entstanden. Dass er dafür viele Jahre - drei Jahre allein zum Zeichnen - investiert hat, hat sich gelohnt. Wiederholt habe der Autor Konzept und Plot seiner Comicerzählung umgeschrieben und abgewandelt. Der Entstehungsprozess selbst sei für ihn, insbesondere in der dialogischen Auseinandersetzung mit Freundinnen, zum Erkenntnisprozess geworden.

Der Sichtwechsel deutet sich bereits in der umgekehrten Namensreihung, "Medusa und Perseus", an. "Versuch es doch mal aus meiner Perspektive zu betrachten", beschwört die Protagonistin ihr versteinertes Gegenüber. Der Comic ist zugleich ein Wendecomic, der von vorne und von hinten gelesen zwei Geschichten - je einmal aus dem Blickwinkel Medusas und Perseus’ - erzählt, die in der Mitte an ihrem neuralgischen Punkt zusammentreffen.

Spielball der Götter

Perseus, zwar selbst Halbgott von Zeus’ Gnaden, ist im Comic, ein unerfahrener, naiver Jüngling, zum Spielball der Götter geworden. Sein Ziel, das Haupt der Medusa zu erobern, wäre ohne Mithilfe einer intriganten Athene ein aussichtsloses Unterfangen. Für Perseus ist dieses Unternehmen jedoch kein Selbstzweck, vielmehr sieht er darin die Möglichkeit, seine Mutter Danaë aus den Fängen des Inselkönigs Polydektes zu befreien. In dieser Hinsicht spiegelt sich seine Geschichte in jener Medusas: Wie Poseidon ist Polydektes eine patriarchale Figur, die ihre Macht missbraucht.

Breinbauers Episode vom "Möchtegernkrieger" Perseus ("zitter/zitter/
zitter") ist liebevoll, mit Witz und einfallsreichen Stilwechseln erzählt, sie bleibt aber eine Bubengeschichte mit Abenteuercharakter. Dagegen offenbart sich der andere Teil dieses Comic-Diptychons als atemberaubende Auseinandersetzung mit der Figur der Medusa, ihren traumatischen Erlebnissen ebenso wie mit einem Gegenentwurf zum patriarchalen Frauenbild. Eine nachdenkliche, aber souverän gelassene Medusa ist hier am Wort und im Bild, die ohne Verbitterung über ein jahrtausendealtes Unrecht spricht. "Was passiert ist? Willst du das wirklich wissen?"

Mit unsauber-fransigem Strich ("Ligne crade" im stilistischen Gegenzug zur "Ligne claire") zeichnet der Autor die Erinnerungen der Medusa nach, die Verwirrungen infolge des gewaltsamen Übergriffs Poseidons, die Erschütterung angesichts einer Göttin, die, statt sich hinter das Opfer zu stellen, dieses bestraft. Dabei weiß der Zeichner auch ohne Worte mitreißend in Bildern (bis zu 47 Seiten am Stück!) zu erzählen. An das Trauma schließlich erinnert noch ein "Vogelpferd" (Breinbauer), "der medusische Gaul, der geflügelte" (Ovid), Pegasus, in dem das Verbrechen des Pferdegotts sich sichtbar vererbt hat.

Der Comic entspinnt sich als eindrucksvoller Dialog, als Dialog mit Steinen: mit dem einen versteinerten Geschlecht, das ihren Blick nicht erträgt - aus Starrsinn? - und vor Schreck zu einem "marmornen Bildnis" (Ovid) gefriert. Getragen von Witz und einer unaufgeregten Leichtigkeit führt die Erzählung nach und nach in einen Figurenpark, einen Wald versteinerter Krieger, die der Gorgone allesamt an die Gurgel wollten. Statt Schrecken spiegelt sich in den verzerrten Gesichtern eine grandiose Lächerlichkeit, die heroischen Donquichotterien haben sich selbst überführt. Breinbauers Gorgone verkörpert offenbar ein anderes Geschlechterverhältnis. Ist Medusa bereits aus ihrem Albtraum herausgetreten, so muss das männliche Geschlecht sich allerdings erst aus seiner Versteinerung lösen. Eine Anstrengung noch? Es wird etlicher bedürfen.