• vom 05.04.2013, 13:30 Uhr

Comics & Mangas

Update: 05.04.2013, 13:40 Uhr

Philosophie

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Von Martin Reiterer

  • Der Japaner Osamu Tezuka hat eine zehnbändige Comicbiografie über Buddha verfasst. Vier Bände des Mangas über das Leben des Siddharta Gautama sind bisher auf Deutsch erschienen.

"Brahmane! Für viele Jahrhunderte war dieser Name in der Gesellschaft Indiens ein Inbegriff absoluter Macht." Die Brahmanen unterteilten die übrige Gesellschaft in Kasten, "(erhoben sich) über ihre Mitmenschen und etablierten ein System der strikten Diskriminierung". In seinem Comicepos über Buddha holt Osamu Tezuka (1928-1989) weit aus. Was er da auf dreitausend gezeichneten Seiten ausbreitet, ist keine einfache kompakte Biografie eines der berühmtesten Religionsgründer der Weltgeschichte, sondern ein Panorama aus Zeiten, Figuren und Geschichten, in die das Leben des Buddha eingebettet ist, oder eigentlich: hineinfällt, voller Kontraste und Parallelen, voller Turbulenzen, Brüche, Überraschungen.

"In Wirklichkeit zeichne ich gar nicht. Ich schreibe eine Geschichte mit einer eigenen Art von Symbol", sagte Osamu Tezuka über seine künstlerische Auffassung. Hier ein Auszug aus "Buddha".

"In Wirklichkeit zeichne ich gar nicht. Ich schreibe eine Geschichte mit einer eigenen Art von Symbol", sagte Osamu Tezuka über seine künstlerische Auffassung. Hier ein Auszug aus "Buddha".© Abb.: Carlsen Vlg "In Wirklichkeit zeichne ich gar nicht. Ich schreibe eine Geschichte mit einer eigenen Art von Symbol", sagte Osamu Tezuka über seine künstlerische Auffassung. Hier ein Auszug aus "Buddha".© Abb.: Carlsen Vlg

Der Zeichner, Autor und Produzent wird in Japan als "Gott des Mangas" gefeiert, was angesichts seiner Leistungen im Bereich des japanischen Comics, dem Manga, kaum verwundert. Innerhalb einer Schaffenszeit von rund vierzig Jahren hat Tezuka seit Mitte des letzten Jahrhunderts ein erstaunliches Werk von 150.000 Comicseiten gezeichnet: 600 Geschichten und Serien, dazu rund 60 Animationsfilme.


Neue Manga-Ästhetik
Allein die Menge hätte dem Japaner noch nicht zu seinem Ruhm verholfen, vielmehr war es die Tatsache, dass Tezuka den Manga - bei allen amerikanisch-europäischen Einflüssen, insbesondere von Walt Disney - inhaltlich und ästhetisch neu erfunden sowie von Einschränkungen nach Themen oder Umfang befreit hat. Dabei hat sich der Autor aller möglichen Genres zwischen Abenteuerroman und philosophischer Erzählung angenommen.

Information

Osamu Tezuka: Buddha. Aus dem Japanischen von John Schmitt-Weigand. Carlsen Verlag, Hamburg 2012 (Bd. 1-3), 2013 (Bd. 4).

Auf Deutsch ist bisher (in Buchform) erst ein winziger Ausschnitt - weniger als ein Zehntel - aus den Werken des Manga-Pioniers zugänglich. Außer der bekannten Science-Fiction-Reihe "Astro Boy" (2000-2002) in 21 Bänden und dem Abenteuerklassiker "Kimba. Der weiße Löwe" (2011-2012), beide für jüngere Leser, sind inzwischen mit "Adolf" (2005-2007), "Kirihito" (2009-2010) und "Barbara" (2010), drei weitere herausragende Werke des Zeichners erschienen. Seit Mai 2012 erscheint nun auch Tezukas "Buddha" in zehn Bänden. Band vier ist kürzlich in die Buchhandlungen gelangt.

Bevor Siddhartha Gautama, angekündigt durch eine Reihe von Wundern, gegen Ende des ersten Bandes das Licht der Welt erblickt, drängt sich dem Leser bereits mehrmals der Verdacht auf, eine der Figuren könnte sich als der Auserwählte entpuppen. Der Brahmane Naradatta wurde nämlich ausgeschickt, so der Plot, um einen Auserkorenen mit besonderen Fähigkeiten zu finden, der bestimmt sei, Gott oder König der Welt zu werden. So trifft er auf Tatta, einen jungen Paria, der die wundersame Fähigkeit besitzt, in den Körper eines Tieres zu schlüpfen und sich seiner zu bemächtigen. Oder Chapra, dem es unter dem Schutz eines Generals gelingt, sich emporzuarbeiten und schließlich König zu werden. Eine unglaubliche Karriere, denn Chapra gehört der untersten Kaste der Shudra an.

Siddhartha entstammt allerdings auch bei Tezuka, gemäß der Geschichte oder den Legenden - was nicht immer leicht zu trennen ist -, einem königlichen Haus. Nachdem der Ruf des Auserwählten ihm schon vorauseilte, versucht der Vater, Siddhartha als Nachfolger heranzuziehen. Doch hier beginnt der Bruch: Den jungen Königssohn, der lieber mit den Shudra-Kindern spielen würde als gehoben unterhalten zu werden, langweilen die Zeremonien des Hofs und das dekadente Leben in Saus und Braus derart, dass er eines Tages ausbricht, ausgerechnet mit Hilfe Tattas, eines Unberührbaren, und seiner Verwandlungskunst. "Ich wollte dich einfach da rausholen! Und dir ein bisschen die Welt zeigen! / Willkommen in der Wirklichkeit!" - "Wirklichkeit? Was meinst du damit?"

Die Wirklichkeit, die Tatta meint, verkörpert er zum Teil selbst - eine, von der der Königssohn bisher abgeschottet war. Tatta nimmt Siddhartha mit auf eine Abenteuerreise und verschafft ihm einen Einblick in die vollends andere Wirklichkeit der unteren Kasten, in denen der Kampf mit den alltäglichen Gefahren des Lebens vorherrscht. Dabei begegnet er Migaila, einer Räuberbraut, in die er sich verliebt, doch auch einer alten ausgestoßenen Frau, die vor seinen Augen stirbt. Die Lektion greift: "Mich hat im Leben noch nie etwas so erschüttert." Und: "Danke, dass du mir die Wirklichkeit gezeigt hast . . ."

Fiktion und Fakten
Doch Siddhartha besitzt zugleich die Hartnäckigkeit, dieser Wirklichkeit auf den Grund zu gehen. Es sind Kollisionen, die Tezuka gemäß Versuchsanordnungen stattfinden lässt. Auf diese Weise kreuzen sich die Wege seiner fiktiven Charaktere mit den historischen, verzahnen sich erfundene mit gefundenen Geschichten. Insbesondere Tatta spielt dabei die Rolle eines Deus ex machina oder Superman, der Fiktion mit Fakten, Science Fiction mit Geschichte(n) verbindet. Ein Ineinander, das Tezuka liebt.

Das Epos "Buddha", das Tezuka zwischen 1972 und 1983 herausbrachte, steht am Anfang eines biografischen und künstlerischen Bruchs, nachdem eine neue Generation von Comiczeichnern, Gekiga, begonnen hatte, den Manga mit realistischer Zeichnung und düsteren Themen einer erwachsenen Leserschaft zu öffnen. Tezuka, ursprünglich der große Anreger, zeigt sich dennoch bereit, die Gekiga als Vorbild für Neuerungen anzunehmen. Zu den herausragenden Beispielen aus dieser Zeit gehören der fünfbändige Politthriller "Adolf", in dem er anhand dreier Adolfe einen Spionagefall aus der Nazizeit zwischen Japan und Deutschland erzählt, und "Kirihito": eine Trilogie einer Verwandlung und abgründige Parabel der Entfremdung im Genre eines Medizinthrillers. Die Erkenntnis des Protagonisten Kirihito, dass es nur ums Aussehen geht, dass Menschen nur nach dem Äußeren beurteilt und in ihrer Verkennung durch die Gesellschaft völlig zerstört werden können, ähnelt jener Siddharthas über das Kastenwesen, das er nicht anerkennen kann.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2013-04-05 11:44:06
Letzte Änderung am 2013-04-05 13:40:19




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