Wien. Von Wien bis Berlin und wieder zurück: Desinformation, Halbwahrheiten und falsche Fakten haben beim Asylthema das Netz übernommen. Daraus resultieren Ängste, Sorgen und problematische Eindrücke der Mehrheitsgesellschaft über Asylwerber. Die Folgen: Gewalt, Misstrauen und ein Automatismus, der bei allen Beteiligten keinen ruhigen Diskurs mehr zulässt. Verhärtete Fronten. Eine Gruppe deutscher Zeichner hat sich aufgemacht diese Ängste zu erobern und mit dem Blog "Bildkorrektur" die 15 größten "Bürgersorgen" zum Flüchtlingsthema zu illustrieren und mit Fakten zu entkräften. Einen der Zeichner, Jens Harder, befragte die "Wiener Zeitung".

"Wiener Zeitung": Wie kam es zur Idee, mit Comics gegen Vorurteile vorzugehen?

Jens Harder: Die Initiatorin unserer Bildkorrektur-Aktion heißt Alexandra Klobouk und ist ein Berliner Grafikerin und Illustratorin. Letzten Oktober begann sie, Zeichner zu kontaktieren, um um die "Bunte Seite der Macht" zu schmieden. Ihre Initiative fiel dabei auf sehr fruchtbaren Boden, da wir alle uns ja seit Monaten schon intensiv mit den aktuellen Geschehnissen in Europa und Nahost auseinandersetzten.

Warum Zeichnungen über das Flüchtlingsthema?

Weil es uns grade unter den Nägeln brennt. Nichts, woran ich mich in den letzten zwanzig Jahren erinnern kann, hat die Menschen so sehr entzweit und polarisiert wie dieses Thema jetzt. Es gibt so viele Hoffnungen und Ängste, ungeklärte Probleme und überhöhte Vorstellungen in diesem Bereich. In einem emotional geführten Diskurs über Flüchtlinge scheinen manche Argumente auf Seiten "besorgter Bürger" nicht mehr zu wirken. Statistiken werden ignoriert, falsche Darstellungen unkritisch übernommen.

Ist das Bild stärker als das Wort oder die Zahl, um gegen Ängste vorzugehen?

Es ist doch so, dass viele Menschen schnell abschalten, wenn sie einen längeren Text über dieses hochkomplexe Thema lesen sollen. Gezeichnete Bilder können da einerseits in ihrer emotionalen Ausdrucksform sehr direkt das Herz ansprechen, andererseits in der analytischen und abgeklärten Variante das Hirn. Und wir koppeln ja immer ein von uns bebildertes Angstpaar mit recherchierten Fakten und Argumenten. Zahl und Wort wirken dann also auch, nur eben in der Kombination eindringlicher.