Bemerkenswerterweise beschreibt der Zeichner seine Japan-Reise auch als Zeitreise, die gleichsam in seine eigene Vorgeschichte führt. "Dieses Buch war für mich wie eine Zeitmaschine - zwei Jahre lang konnte ich damit in die Vergangenheit reisen, in meinen inneren Osten." Die Gegenwart erscheint als zarte Membran. "In Japan sehe ich durch den dünnen Schleier der Gegenwart immer die Vergangenheit scheinen."

Oftmals ist es die "Macht des Papiers", die den Unterschied zwischen Realität und Traum und Zeit aufhebt: In Erinnerung an das Durchblättern und Studieren der Skizzenbücher von Hokusai heißt es: "Diese Bücher waren für mich wie Reisen." Und in den riesigen Läden Tokios, Bücher durchstöbernd, fühlt sich der Zeichner an die Läden seiner Kindheit erinnert, angezogen "vom Geruch eines ganzen Jahrhunderts, dem Atem der Geschichte, der den Seiten entströmt".

Zeitreise ins Innere

Dieser Eindruck einer Zeitreise in den eigenen inneren Osten ist in Igorts Japan-Comic so stark, dass er angesichts der Lektüre von Daniel Clowes’ "Patience" wieder auftauchen mag. Denn in "Pa-tience" tritt die Hauptfigur tatsächlich eine Zeitreise in die eigene Geschichte an. Freilich, wir haben es mit einem Kunstgriff der Fantasie zu tun. Doch letztlich beruht dieses Bedürfnis, in die eigene Geschichte einzutauchen, auf der einzigartigen Fähigkeit des menschlichen Geistes, der Enge der unmittelbaren Gegenwart zu entfliehen. Dabei sind die Voraussetzungen in den beiden Comics so gegensätzlich wie die ästhetischen Mittel unterschiedlich sind.

Jack Barlow und Patience sind ein Paar der US-amerikanischen Unterschicht, die gerade, im Jahr 2012, erfahren haben, dass Pa-tience schwanger ist. Die Erwartung eines gemeinsamen Kindes gibt den beiden, die sich immer wieder als "Versager" und "Abschaum" erleben, einen erneuten Antrieb, ihr Leben in den Griff zu bekommen.

Patiences schwierige und traumatische Kindheitsgeschichte mit Alkoholikervater, mit Drogenerfahrung und einigem mehr, prescht immer wieder in die Gegenwart vor. Mit Hilfe ihrer Therapeutin versucht sie einen Schlussstrich darunter zu ziehen, während Jack seinen ganzen Mut zusammennimmt und seine Lügen und Notlügen auspacken möchte, um der Zukunft seiner neuen Familie die beste Chance zu geben. Doch als er mit diesem Vorsatz auf den Lippen die Wohnung betritt, liegt Patience tot auf dem Boden, ermordet von einem Unbekannten.

Während Jack aufgrund eines Justizirrtums zuerst selbst als mutmaßlicher Mörder ins Gefängnis kommt, versucht er, wieder draußen, ergebnislos den tatsächlichen Mörder zu finden. Erst viele Jahre später, 2029, gelangt er durch Zufall an den Erfinder eines Mittels, das ihm eine Zeitreise ermöglicht. Doch plötzlich, "PENG!", ins Jahr 2006 zurückversetzt, muss er sich auch "dem ganzen Scheiß stellen, von dem ich nichts hören wollte".

Die Zeitreise mit dem einzigen Zweck, den Mord an seiner Frau und seinem Kind abzuwenden, kurzum, den potentiellen Mörder aus dem Weg zu räumen, gestaltet sich als ziemlich komplizierte Angelegenheit. Und ganz im Gegensatz etwa zu Igort, der auf seiner Zeitreise schließlich in seinen "inneren Osten" gelangt, stößt Jack auf innere Entfremdung: "Als wäre ein Teil meiner Seele noch irgendwo da draußen im Nichts und ich nur so ’ne chinesische Billigkopie aus dem allerletzten Schrott."

Schließlich katapultiert sich Jack in einer Notsituation unabsichtlich ins Jahr 1985. Dieser Zeitsprung erscheint als Zeitfalle: "Was soll ich tun, wenn ich hier nicht wieder wegkomme?" "Ich muss raus aus diesem bescheuerten Jahrhundert."

Bei allem Witz, mit dem Clowes die Geschichte, eine verzweifelte Tour de Force durch vergangene Jahrzehnte, vorantreibt, regt das Spiel mit dem Sci-Fi-Genre durchaus zum Nachdenken an. Die Perspektivlosigkeit, die Jacks Leben in der Gegenwart bestimmte, setzt sich angesichts seiner missglückenden Versuche, die Vergangenheit zu seinen Gunsten zu korrigieren, als Gefühl des Versagens fort: "Ich hab’s so was von vermasselt; Zukunft, Vergangenheit, alles hab ich durcheinander gebracht." Von allen paradoxen Schwierigkeiten abgesehen, droht der Münchhausen’sche Eingriff in die eigene Vergangenheit zum Pfusch zu werden. Von der Ausweglosigkeit der Gegenwart in die Vergangenheit getrieben, ist er nun in dieser gefangen und der Verzweiflung nahe: "Ich hab so die Schnauze voll von diesem ganzen Sci-Fi-Kram, den Spekulationen und unlösbaren Rätseln."

Verschiedene Lesarten

Doch gibt es auch Momente der Melancholie, etwa in Anbetracht des alten Viertels seiner Kindheit: "Schon verrückt, wie plötzlich all die Kleinigkeiten wieder da sind, die man vergessen hatte." Zum anderen ist da noch Patience, die gleichsam geduldig auf Jacks Rückkehr aus der Vergangenheit wartet. Nun stellt sich die Frage, wie das alles zusammengehen soll, doch noch einmal. Ist alles, insbesondere Jacks Einbruch in Patiences Vergangenheit, lediglich "eine Art psychotische Halluzination", "ein traumatisches Erlebnis"? Comicautor Daniel Clowes schafft es, dieses Ineinander mehrerer Lesarten auf wundersame Weise miteinander zu verknüpfen.