Www. Vor gar nicht allzu langer Zeit, als der Höhepunkt der Facebook-Euphorie erreicht war, da schien es, als würde dieses soziale Netzwerk der Inbegriff der digitalen Identität sein. Man musste einfach mit Mark Zuckerbergs Pferd durch den öden Wilden Westen des Internets reiten. Es war die eierlegende Wollmilchsau, die sich aus den Ruinen von SixDegrees (okay, kennt heute fast niemand mehr, startete 1997, um im Jahr 2000 wieder zu verschwinden), MySpace und StudiVZ zur Weltherrschaft zu erheben. Man teilte seine Urlaubserinnerungen, spielte Farmville, nahm Freundschaftsanfragen an, sammelte Likes wie früher goldene Sternchen und wusste, dass man mehr davon wollte und seine Sache gut gemacht hatte. Doch dann... dann kamen die anderen.

Netzwerk macht Identität

Instagram, Twitter, Snapchat, Xing, LinkedIn, Tinder, Pinterest, Ello, Academia.edu, Foursquare, Vero und viele, viele andere mehr. Googles Google+ wird in Bälde verschwinden, an Microsofts so.cl erinnern sich wahrlich nur noch echte Fans der gemeinsamen, geteilten Kommunikationsfreuden. Eine überschaubare Liste der aktiven Netzwerke findet sich nirgendwo, der mittlerweile eingestellten auch nicht. Jeden Tag wird weltweit eine neue Plattform gestartet und eine andere geschlossen. Vielfach werden Tools, die als Nischenprodukte geplant waren, selbst zu Netzwerken oder von größeren Firmen geschluckt und danach in deren Angebot integriert.

Und wo zieht man die Grenze? Ist YouTube nicht ein Netzwerk und kann ich über meine Playlists bei Spotify nicht mehr sagen als über tausende Bilder meines Essens? Nachdem man schon glauben konnte, dass es ein führendes Netzwerk geben würde, dass alle Freunde, Bekanntschaften und nicht zuletzt auch Familie und Arbeit kombinieren könnte, kam dann ziemlich eindrücklich die Wende. Ja, natürlich hätten die Anwender gerne einen einzigen Hauptkanal ihres sozialen Kommunikationsflusses, aber die Realität sieht anders aus.

Man wird schizophren

Die allumfassende, beste und einzige Lösung gibt es nicht und somit zeigt sich derzeit eine größere Differenzierung und Spezialisierung, die man vor kurzen nicht einmal für denkmöglich hielt. Soziale Netzwerke erfordern einen hohen Grad an Schizophrenie - zumindest, wenn man alle Angebote optimal nutzen will. Facebook gehört mittlerweile den reiferen Semestern.

In der Praxis bedeutet dies, dass man hier nur teilt, was wirklich alle sehen können sollen. Das Enkel-Großeltern-Netzwerk mit Veranstaltungskalender. Wer geht wo wann hin, wer heiratet, die Babybäuche werden präsentiert und wenn man schon mal Urlaub macht (manche Leute machen nur mehr Urlaub, posten Fotos, lassen sich dafür bezahlen und diese nennt man dann Influencer; die harte Arbeit, die hinter diesem Job steckt, sieht man übrigens selten, aber das ist ein anderes Thema) - dann werden auch Strandfotos im Jänner geteilt. Man gönnt sich ja sonst nichts, und eigentlich sind Fernreisen billiger als Skifahren. Facebook ist also ungefährlich und nicht der üblen Nachrede tauglich zu gestalten. Viele Menschen vergessen dies jeden Tag, was der Plattform als ganzer schadet. Ein schnelles Like oder ein kleines Emoticon, welches die Stimmung zum Thema ausdrücken soll, ist schnell verteilt. Vom Personalbüro über den Arbeitskollegen, vom Schulfreund bis zur Erbtante, auf Facebook darf mittlerweile einfach jeder schauen und sein. Das hat seine Vor-, aber auch seine Nachteile. Hier gibt man sich gesittet, erwachsen, überlegt. Facebook ist zum Schwarzen Brett geworden - Ankündigungen, Suche nach vermissten Personen, Spendenaktionen und Rettet die (Tier-)Welt.