42.000. So viele Fotos in sehr guter Qualität passen in ein modernes iPhone mit 125 Gigabyte Speicherplatz. Nicht nur die Höhepunkte des Lebens, sondern auch die Dinge des Alltags lassen sich damit lückenlos dokumentieren.

Von Lieblingsobjekten über das Mittagessen bis zur Speisekarte und dem Konzertprogramm, von den Schuhen im Sonderangebot über den Urlaub am Strand bis hin zu banalen Listen, Freunde, Familie, Tiere und das eigene Lachen: Schier alles wird fotografiert. Das macht nicht nur Spaß, sondern es ist auch praktisch in einer Zeit, in der die Tage von früh bis spät durchgetaktet sind und wir immer mehr Dinge gleichzeitig tun. Beim Multitasking kommt das Gehirn ganz schön durcheinander. Wer die Konzentration verliert, hält seine Erlebnisse fotografisch fest. Dann hat er sie zwar nicht im Kopf, aber im Speicher.

Schnappschüsse ohne Erlebnis

Rückblick in die 1970er Jahre, als die Zeit langsamer zu vergehen schien. Ein Vater fotografiert mit der Spiegelreflexkamera die Familie beim sommerlichen Ausflug ins Grüne. Die Mutter trägt eine große Sonnenbrille, die Tochter im bunten Rock beißt in einen Apfel, der Sohn krabbelt durch das Gras. In der Familie wurde diese aus nur zwei Handvoll Fotos bestehende Serie oft angeschaut und auch besprochen: die Schönheit des Ortes, der Lieblingsrock und die Tatsache, dass man Äpfel schon damals nicht so recht mochte. Die Bilder stehen vielleicht auch für Emotion und eine Harmonie, in der man noch Kind sein durfte, während in der Schule bereits die gemischten Gefühle des Heranwachsens regierten.

Was heute in Foto-Registern à 42.000 lagert, wurde früher anhand einer Handvoll Fotoalben erzählt. Zumeist rufen die wenigen alten Fotos Situationen im Gedächtnis hervor. Heute hingegen, wo nahezu jede Lebenslage mit Freunden und Bekannten geteilt wird, bekommt man sogar Begebenheiten serviert, die man nicht erlebt hat. Über soziale Medien trudeln Fotos ein, auf denen man gar nicht dabei war. Gleichzeitig wird unablässig geknipst und verschickt, wieder geknipst und beantwortet. Dass viele Menschen angesichts dessen vergessen, was sie wann, wo und warum abgelichtet haben, nimmt keineswegs Wunder. Kann aber jemand, der ein ganzes Popkonzert mitfilmt, den Musikern gleichzeitig aufmerksam zuhören? Wie beeinflusst die Schnappschussjagd das bewusste Erleben? Zerstört Fotografieren die Präsenz im Moment, der sich im Langzeitspeicher des Gedächtnisses einprägt?

In jedem Augenblick erfasst das Gehirn unzählige Einzelheiten, verknüpft sie zu einem Gesamteindruck und setzt diesen in Bezug zum Ich. Nur was es braucht, bekommt im Langzeitspeicher seinen Platz. Diesen Effizienzmechanismus nennen Wissenschafter den Effekt des intentionalen Vergessens: Das Gehirn sortiert alles aus, was ihm irrelevant erscheint, und vermeidet so Überanstrengung. Die US-Verhaltensforscherin Betsy Sparrow konnte zeigen, dass das Internet diesen Effekt zusätzlich befördert: Informationen, die es in Google findet, bleiben seltener im Kopf.