Linda Henkel, Professorin für Kognitive Psychologie an der Universität Fairfield im US-Staat Connecticut, ist der Ansicht, dass Fotografieren das intentionale Vergessen befördert. In einer Studie wurden Probanden durch ein Museum geführt. Manche der Exponate sollten sie fotografieren, andere 25 Sekunden lang betrachten. Die Personen erinnerten sich weniger gut an die fotografierten Objekte als an jene, die sie betrachtet hatten. "Wenn man auf den Auslöser drückt, wird eine Botschaft an das Gehirn geschickt, die besagt, dass die Kamera die Informationen für mich speichert", erklärt Henkel. Die mentale Repräsentation einer Situation ist anders als der fotografierte Ausschnitt. Wie ein Fenster zur Welt hält die Kamera fest, was dem Auge gefällt. Doch das Gehirn sieht mehr. Es speichert nicht das Arrangement im Rahmen, sondern das gesamte Bild. Fotos, die im Nachhinein betrachtet werden, sind somit nicht mehr und nicht weniger als "wundervolle Anhaltspunkte", sagt Henkel im Magazin "Vice". Allerdings nur, wenn das Original bewusst erlebt wurde.

Bewusstsein wird abgeflacht

Sowohl das Erlernen von Fähigkeiten als auch emotionale Erfahrung leben von Aufmerksamkeit. Fehlt die Aufmerksamkeit, merken wir uns wenig bis nichts. Allerdings hat sich der Mensch stets Technologien zum Aufzeichnen bedient. "Ein Problem entsteht dann, wenn wir mit Technologie versuchen, etwas mitzunehmen, was wir nicht erleben können, weil wir beschäftigt sind", sagt Ronald Sladky, Senior Scientist für Soziale und Kognitive Neurowissenschaften an Universität Wien. "Ein Foto hilft nur beim Lernen, Empfinden und Erinnern, wenn der Moment, in dem der Auslöser gedrückt wurde, bewusst erlebt wurde."

Fotografieren bereitet Freude und ist eine Tätigkeit, in der man aufgehen kann. Es kann aber auch Erfahrungen abflachen. Besonders bei affektiven Erlebnissen, bei denen sensorische Aspekte wie Riechen, Schmecken oder Freude eine Rolle spielen, ist das der Fall. "Wenn ich mein Essen fotografiere und somit anstatt zu essen durch die Linse schaue, distanziere ich mich vom Erlebnis des Gerichts und esse danach mit weniger Appetit", erklärt Arnd Florack, Professor für Angewandte Sozialpsychologie und Konsumentenforschung der Universität Wien. Der Effekt sei vergleichbar mit Überlegungen, welche Substanzen die Zutaten enthalten: Der unmittelbare Impuls geht zurück.

Wer also laufend nach Fotomotiven sucht, dem könnte die Freude am Moment abhandenkommen. Das Gefühl für dessen wahre Natur ginge dann verloren. Ironischerweise werden gerade die kostbarsten Momente, wie die Geburt eines Babys oder der Besuch der Akropolis, am beharrlichsten von Knipsgeräuschen untergraben. Viele Menschen verpassen somit wichtige Momente in ihrem Leben, weil sie meinen, sie festhalten zu müssen. "Wir erleben die Situation weniger intensiv, damit wir sie später neu erleben oder mit anderen teilen können", sagt Florack - drücken den Auslöser und die Stimmung endet.

Dieses Phänomen ist übrigens uralt. Schon in der Antike beschäftigte man sich damit, wie man sich bewusster konzentrieren kann. Daraus entwickelte sich in Indien die Meditation.