Es bleibt jedoch nicht bei diesem recht harmlosen ökonomischen Interesse. Profile auf Sozialen Medien dienen Personalchefs längst als Baustein zur Beurteilung eines Bewerbers oder einer Bewerberin. So wird digitale Identität plötzlich zum höchst realen Kapital und ist schon gar nicht mehr so harmlos - vor allem wenn man bedenkt, wie schwierig es ist, etwa Jugendspäße aus dem digitalen Gedächtnis zu löschen. Das Netz vergisst nämlich recht ungern.

Dieser Teil des digitalen Fingerabdruckes erhält eine politische Dimension, die die persönliche Freiheit einschränken kann, wenn etwa Staaten wie die USA überlegen, Menschen nur nach Offenlegung und Prüfung ihrer Facebook-Profile ins Land zu lassen.

Bei der Digitalisierung kumulieren Daten. Je mehr es sind, je präziser sie gebündelt und zugeordnet werden können, desto wertvoller sind die Datensätze. Oft ist den Datenbündlern dabei noch gar nicht klar, wofür sie diese später einmal nutzen wollen. Sind immer mehr Dienstleistungen oder Waren nicht mehr anonym zugänglich - SIM-Karten, Zugtickets mit Namen oder ausschließliches Zahlen mit Karte -, so schwindet die Unschärfe der Profile. Zwischen dem Erheben und Sammeln von Daten und deren missbräuchlicher Verwendung steht der Datenschutz, der in Europa gerade auf neue - nicht unumstrittene, teils etwas absurd anmutende - Beine gestellt wurde. Das Problem mit digitalen Daten und dem Datenschutz ist: Gibt es die Daten, gibt es auch die Möglichkeit, sich (illegal) Zugang dazu zu verschaffen. Missbrauchskandale der jüngsten Zeit haben das anschaulich gezeigt.

Dass sich die Folgen der transparenten Digitalisierung nicht abschätzen lassen, zeigt ein Blick nach China. Dort soll ab 2020 ein digitales "Sozialkreditsystem" verpflichtend sein, das bereits in seinen ersten Erscheinungsformen ein unvorstellbares Maß an Kontrolle und gegenseitigem Denunziantentums in sich trägt.

Vermummungsverbot

Jetzt ist Österreich weit davon entfernt, China zu sein. Doch auch hier schreitet die Digitalisierung schneller voran, als sich deren Folgen abschätzen lassen. Selbst wenn davon auszugehen ist, dass die heimische Politik sorgsam mit den erhobenen Daten umgeht und dafür sorgt, dass es auch Dritte tun, können zwei Dinge nicht ausgeschlossen werden. Dass Hacker sensiblen Daten kapern und im harmlosesten Fall Geschäfte damit machen. Im schlimmeren die Daten gegen Individuen verwenden. Es ist auch nicht auszuschließen, dass sich politische Rahmenbedingungen ändern und plötzlich ein heute harmloser Datensatz gegen Einzelne oder eine Gruppe verwendet werden kann - von sexueller oder politischer Orientierung bis zu Krankenakten. Befürworter der Anonymität im Netz verteidigen diese nicht nur aufgrund solcher Szenarien.

In Bezug auf das digitale Vermummungsverbot, das die Bundesregierung plant, stellt sich also die Frage: Wie viel ist uns auch unsere zukünftige Freiheit wert? Inwiefern verursacht ein heutiges - vermeintliches - Steigern von Sicherheit künftige Unsicherheiten. Ob das Ende der Anonymität im Netz, wirklich die in Aussicht gestellt Sicherheit bringt, kann niemand garantieren. Kriminelle Energien haben auch bisher Schlupflöcher gefunden und sich in Parallelstrukturen organisiert. Dass eine Klarnamenpflicht den Hass im Netz eindämmen wird, daran zweifeln Experten. Zum einen werfe es verfassungsrechtliche Fragen nach der Verhältnismäßigkeit dieser Maßnahme auf. Zum anderen verweisen sie auf Südkorea, wo ein entsprechendes Projekt nach einem Hackerangriff gestoppt werden musste.

Digitalisierung schreitet voran. Daran ist nicht zu rütteln. Und überall dort, wo Daten gesammelt werden, können sie in die falschen Hände geraten. Die Politik beginnt gerade erst, die dabei entstehenden Problemzonen in Angriff zu nehmen. Das wird Zeit brauchen - und einige Irrwege. So ist jeder und jede Einzelne gefordert, sich genau zu überleben, wem er oder sie wo persönliche Daten zur Verfügung stellt. Digitalisierung ist keine vollautomatische Walze, die uns überrollt. Gerade jetzt besteht die Chance, ihre Spielregeln mitzugestalten.