Doch es dauerte nicht lange, bis das Netz nach den enthusiastischen, idealistischen Anfangsjahren seine Unschuld verlor: Die utopischen Pioniere wurden nach und nach von Geschäftemachern verdrängt, Cyber-Communities wurden von Sozialen Netzwerken abgelöst. In den USA waren vor allem Compuserve, Prodigy und America Online (AOL) beliebt - diese Systeme waren auch die ersten sozialen Netzwerke. Doch diese geschlossenen Systeme waren gegenüber den Weiten des Internets im Nachteil: Inzwischen war der Webbrowser zum Standard-Eintrittstor ins Netz geworden. Mit Friendster und MySpace traten 2002 die ersten größeren für diese Anwendung zugeschnittenen Player auf den Plan.

Vor 15 Jahren ging "TheFacebook" online

Am 4. Februar 2004, vor über 15 Jahren, ging Mark Zuckerbergs "TheFacebook" online und trat einen beispiellosen Siegeszug an. MySpace war damit plötzlich in den Augen der Userinnen und User uncool und verschwand bald in der Versenkung. Obwohl die Gründungsgeschichte - "TheFacebook" war ursprünglich dazu ersonnen worden, die Attraktivität der Mitstudentinnen an der Universität Harvard zu bewerten - eigentlich misstrauisch hätte stimmen sollen, knüpften die Techno-Optimisten anfangs wieder ihre Hoffnungen auf die immer wichtiger werdenden sozialen Medien.

Facebook und das 2006 gegründete Diskussionsforum Twitter würde es den Menschen leichter machen, ihren Freundeskreis zu erweitern oder mit Familienmitgliedern und Freunden in Kontakt zu bleiben und den öffentlichen Diskurs bereichern. Nun würden die Versprechungen der frühen Cyber-Pioniere von mehr Transparenz, Offenheit und Demokratie endlich eingelöst.

Facebook als Instrument im Arabischen Frühling

Der Arabische Frühling des Jahres 2011 schien den Utopisten recht zu geben: Der Google-Mitarbeiter und ägyptische Internet-Aktivist Wael Ghonim spielte mit seiner Facebook-Seite eine nicht unbedeutende Rolle bei der Revolution in Ägypten, die zum Sturz Hosni Mubaraks führte. Auch bei der Revolution in Tunesien war Facebook das wichtigste Mittel zur Mobilisierung der Massen.

Doch bald zeigte sich, dass die Utopie bloß eine Chimäre war - ganz abgesehen davon, dass der Arabische Frühling einem arabischen Winter gewichen war und Terrorgruppen wie ISIS das Netz meisterhaft für den Cyber-Dschihad zu nutzen verstanden.

Massenverwirrungswaffe Social Media

Das Jahr 2016 markiert dann den Siegeszug der Twitter-Trumpokratie in den Vereinigten Staaten und der Brexit im Vereinigten Königreich wäre ohne die Massenverwirrungswaffe Social Media wohl nicht möglich gewesen.

So nutzte das von der US-Lobbyistin und Trump-Großspenderin Rebekah Mercer geführte Datenanalyseunternehmen Cambridge Analytica Facebook-Nutzerdaten, um die Wählerinnen und Wähler in der Wahlkampagne 2016 zu manipulieren. Trollfabriken in Russland und selbst in Mazedonien produzierten Fake News, die Trump nutzen sollten. Und im Fall des Brexit schließlich wurde von den Brexit-Befürwortern eine vom Brexit-Unterstützer mit zwielichtigen Kreml-Kontakten, Arron Banks, erdachte obskure Online-Werbestrategie auf Facebook gefahren, die vor allem das Migrationsthema in den Vordergrund rückte: "Meine Erfahrung mit Sozialen Medien ist, dass sie ein Feuersturm sind, der wie ein Buschfeuer über alles fegt. (...) Die Einwanderungsfrage war es, die die wilden Feuer in Brand setzte", sagte Banks vor einem britischen Untersuchungsausschuss.