Von der Utopie zur Dystopie

Die Utopie war nicht nur Chimäre, sie war zur Dystopie mutiert. Einer der Propheten dieser Dystopie ist der US-Medientheoretiker Neil Postman, einer der Mentoren des eingangs mit seinem Buch "Antisocal Media" zitierten Medienwissenschafters Siva Vaidhyanathan. Postman hatte Mitte der 80er Jahre ein kulturpessimistisches Buch mit dem Titel: "Wir amüsieren uns zu Tode" veröffentlicht, das heute eine merkwürdige Aktualität hat. In diesem Buch diagnostizierte Postman einen tiefgreifenden Wandel der US-amerikanischen Kultur von einer inhalts- zu einer unterhaltungsorientierten Gesellschaft.

Durch die Ablösung des wortbestimmten, von Zeitungen und Radio dominierten, "Zeitalters der Erörterung" durch das bildbestimmte "Zeitalter des Showbusiness" der TV-Epoche werde Erkenntnisstreben durch bloße Zerstreuung ersetzt - und zwar in jedem denkbaren Lebensbereich, schrieb Postman. In einer solchen Welt siege die Emotion über die Ratio, Schnelligkeit und Kurzlebigkeit der Fernsehbilder würden eine Reflexion der vermittelten Inhalte verhindern, weshalb die Präsentation selbst entscheidendes Kriterium der Urteilsbildung wird. Die Politik, so Postman, sei längst eine Sparte des Showbusiness geworden.

Das war, notabene, vor Blogs, Websites, Userkommentaren, Facebook, Twitter, Shitstorms und Hatemails und dem mörderischen 24/7-Nachrichtenzyklus. Für Postman war das TV-Gerät die Wurzel allen Übels, was aber ist Social Media wenn nicht so etwas wie das TV-Gerät auf Steroiden?

Postman erinnerte 1985, als das Buch in den USA in die Buchhandlungen kam, an George Orwells Buch "1984": "Als 1984 kam und die Prophezeiung nicht eintrat, stimmten nachdenkliche Amerikaner verhaltene Loblieder an - auf sich selbst. Die Wurzeln der freiheitlichen Demokratie hatten gehalten. Mochte anderswo der Terror ausgebrochen sein - uns zumindest hatten Orwells Albträume nicht heimgesucht."

Orwell oder Huxley?

Neil Postman erinnerte daran, dass es neben Orwells "1984" eine zweite Roman-Dystopie mit einem ähnlichen Thema gibt: Aldous Huxleys "Schöne neue Welt". Während Orwell vor der Unterdrückung durch den Großen Bruder warnt, unterwerfen sich die Protagonisten in Huxleys schöner neuen Welt freiwillig jenen Technologien, die ihre Denkfähigkeit zunichtemachen. Während Orwell vor den Zensoren warnt, fürchtet Huxley jene, die uns mit Informationen so sehr überhäufen, dass wir uns vor ihnen nur in Passivität und Selbstbespiegelung retten können. Die Verfechter der bürgerlichen Freiheiten hätten nicht berücksichtigt, so Huxley in "Schöne neue Welt. Dreißig Jahre danach" oder "Wiedersehen mit der ‚Schönen neuen Welt" (Brave New World Revisited), dass "das Verlangen des Menschen nach Zerstreuungen fast grenzenlos ist".

Aber genauso wie die Vision der Techno-Utopisten sich nicht bewahrheitet hat, muss auch die Apokalypse der Techno-Dystopiker nicht Realität werden. User, Gesetzgeber und Regulatoren sind lernfähig, genauso, wie Neue Medien Gesellschaften und Menschen verändern, reagieren Individuen und Gesellschaften auf diese Neuen Medien.