Die sind natürlich weiter nötig. Wer hat schon Zeit, umfassend zu recherchieren? Es braucht den investigativen Report, es braucht den Rückhalt einer Redaktion, um Korruption aufzudecken. Es braucht die Auslandsberichterstattung. Die sogenannten Laien sollen ja keine professionellen Journalisten werden. Aber sie sollen ein redaktionelles Bewusstsein entwickeln. Der gute Journalismus wird dabei wichtiger denn je. Als Ideal einer publizistischen Praxis und als Erklär-, Einordnungs- und Verifikationsinstanz. All dies wird keineswegs überflüssig. Doch der publizistische Dialog wird breiter - und niveauvoller, das wäre meine Hoffnung.

Was passiert mit jenen, die diese Medienmündigkeit nicht erlangen? Werden sie von der Debatte ausgeschlossen? Oder reguliert sich die redaktionelle Gesellschaft selbst?

Eine Werte- und Mündigkeitserziehung löst da schon sehr viele Fragen. Die allerletzte Instanz, die aber nur den kleinsten Teil problematischer Kommunikation abdeckt, ist das Strafrecht. Das reicht aber völlig aus.

Wir brauchen also keine neuen Regeln für ein digitales Miteinander?

Wir müssen die bestehenden nur ummünzen und verallgemeinern. Wir müssen sie ernst nehmen, an den Schulen verankern und praktizieren. Natürlich gibt es in einer Demokratie das Recht, Bildungsangebote zu ignorieren. Aber wenn eine größere Zahl an Menschen auf diesen Standards besteht, dann wird demokratisches Bewusstsein zu einer Art Lebenspraxis, einer Form des Miteinanders, zur gelebten Norm.

Der Ruf nach Bildung taucht immer dort auf, wo man sonst keine Lösungen sieht - von der Integration über Suchtprävention bis zur Geschlechtergerechtigkeit. Überall schreien Experten nach dem Zaubermittel Bildung. Überfordern wir da nicht ein schon überlastetes System?

Ich weiß wirklich nicht, was in der Medienfrage die Alternative ist. Die Gefahr wäre, dass man den Weg der Bevormundung und der Gesinnungsvorgabe beschreitet. Das wäre fatal, antiaufklärerisch und tendenziell antidemokratisch. Bildung ist da wirklich eine wunderbare Utopie. Das Gefühl der Ausweglosigkeit entsteht nur, weil wir es gar nicht versuchen; weil die Größe der Bildungsaufgabe gar nicht ernst genommen wird, weil wir einer technokratischen Verengung des Denkens über besseres WLAN oder Tablets für alle Schüler debattieren - und nicht über die Werte der medialen Praxis.

Wir reden in Europa über Uploadfilter und eine Digitalsteuer. Ist der Staat gefordert, in diesem gefühlt rechtsfreien Raum Internet neue Regulative zu schaffen?

Der Staat ist in jedem Fall gefordert, die Autonomie des unabhängigen Journalismus mit großer Unbedingtheit zu sichern. Da geht es um Geld und um politische Haltung. Es gibt Anlass zu großer Sorge, zu beobachten, dass wir auf der Straße oder der Regierungsbank die Unabhängigkeit von Medien attackieren.