Aktuell beobachten wir, dass das Vertrauen in Institutionen erschüttert ist - von der Politik über Universitäten bis zu den Medien. Was können diese tun, um das Vertrauen zurückzuerobern?

Autoritäten insgesamt stehen vor einer gigantischen Herausforderung. Sehr viel wird sichtbar, wird öffentlich. Man bekommt jede Menge Belege geliefert, um Autoritäten zu verdammen. Ein Weg scheint mir zu sein, etwa für den Journalismus, dass er sich dialogischer und transparenter präsentiert und verhält. Transparenz ist die neue Objektivität, hat der amerikanische Medienforscher Jay Rosen einmal gesagt. Das bedeutet: sichtbar zu machen, wie man arbeitet, Fehler offenzulegen und eigene Zweifel zu artikulieren.Und in der Politik? Es gibt da sicher kein Patentrezept. Aber letztlich geht es auch hier darum, eine andere Form des Zuhörens, der Nahbarkeit, der Offenheit und der Dialogorientiertheit zu praktizieren. Das scheint mir die einzige Lösung, um dem populistischen Geschrei zu begegnen. Die Selbstabschottung im Inszenierungsgeschäft, die wir aktuell beobachten, hilft da nicht.

In der digitalen Überreiztheit erleben wir auch ein Diffundieren von Verantwortung und damit Kontrolle. Auf der einen Seite steht der Kontrollverlust des Einzelnen, auf der anderen Seite mehr Kontrolle von außen. Wie können wir hier Verantwortung neu lokalisieren?

Man kann Verantwortung festmachen an den Folgen, für alles, was ich auslöse. Es ist in den digitalen Wirkungsnetzen sehr schwierig, so zu denken, weil sich völlig neue Asymmetrien zeigen: von Anlass und Effekt, von Ursache und Wirkung. Oder man kann Verantwortung an den Absichten festmachen. Was mir nötig erscheint, ist ein möglichst waches Bewusstsein für die eigenen Intentionen. Diese Wertebildung gilt es zu fördern. Ob ich dann kontrollieren kann, was aus meinen Anstößen im digitalen Raum wird, daran habe ich meine Zweifel.

Was passiert, wenn wir als Gesellschaft nicht in flächendeckende Medienmündigkeit investieren?

Die Gefahr ist eine Art Aufklärungs- und Bildungspessimismus, der das potenziell mündige Gegenüber vorschnell verloren gibt. Die Gefahr ist, dass die großen Vereinfacher in der Gestalt von Populisten, die Öffentlichkeit kapern und weiter Gelände gewinnen. Insofern müssen wir lernen, die Möglichkeit von Aufklärung mit neuer Begeisterung zu denken.