• vom 10.02.2019, 08:00 Uhr

Das digitale Ich


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Reisen mit Instagram-Hotspots-Listen




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Von Viktoria Klimpfinger

  • Die Foto-App Instagram beeinflusst unser Reiseverhalten maßgeblich und ist für den Tourismus unentbehrlich geworden.




© WZ-Collage: Irma Tulek; Quelle: unsplash, cc, adobe stock © WZ-Collage: Irma Tulek; Quelle: unsplash, cc, adobe stock

Selfie, Selfie, Karlskirche bei Nacht, einsamer #Traveler auf Justizpalasttreppe, Selfie, Sachertorte - unter Hashtags wie #Vienna finden sich auf Instagram abertausende Schnappschüsse sowohl von den Hauptattraktionen bestimmter Reisedestinationen als auch von kleineren Sehenswürdigkeiten abseits der Trampelpfade. Da verwundert es kaum, dass immer mehr Nutzer die Plattform als Inspirationsquelle für ihre Reiseplanung nutzen. Und mehr noch: Eine Studie der britischen Versicherungsfirma Schofields aus dem Jahr 2017 ergab, dass von 1000 Befragten zwischen 18 und 33 Jahren stolze 40,1 Prozent ihren Urlaub sogar explizit nach der Instagram-Tauglichkeit der Destination auswählen. Es geht also längst um mehr als bloß um vergnügliche Selbstdarstellung - besonders für den Tourismus.

Reiseziele mit Instagram-Hotspots

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Mehr zum Thema "Das digitale Ich": www.wienerzeitung.at/das_digitale_ich/

Viele Reiseblogs versorgen ihre Leserschaft daher mit Listen von Instagram-Hotspots der jeweiligen Reiseziele. Für Wien zeigen diese Sammlungen zwar durchaus eine Mischung aus imperialer Nostalgie und moderneren Ecken der Stadt. Allerdings fällt dennoch ein starker Überhang an klassischen Touristenattraktionen wie Stephansdom, Riesenrad oder Café Central auf. Inhaltlich unterscheiden sich die Instagram-Highlights also kaum vom klassischen Marco-Polo-Reiseführer. Doch darum geht es im Prinzip auch nicht. "Viele Touristen besuchen die Hotspots nur, um das perfekte Foto davon zu schießen. Sie interagieren nicht unbedingt mit den Sehenswürdigkeiten", sagt Lidija Lalicic, die die Zusammenhänge von Social Media und Tourismus an der Wiener Modul-Universität erforscht. Und gerade historische Bauten, barocke Schlossparks und Pferdekutschen sprechen die nostalgische Bildsprache, die die Instagram-Ästhetik stark ausmacht, eben fließend. Doch Instagram deshalb gleich ein negatives Image anzudichten, wäre zu kurz gegriffen: "Es ist ein großartiges Mittel, sowohl für das Marketing als auch für den User, um sich über Orte zu informieren." Immerhin liegt es in der Hand der Nutzer selbst, wie sehr sie sich der Jagd nach dem perfekten Foto hingeben.

Dem Wiener Tourismusverband (kurz: WienTourismus) ist längst klar, wie wichtig ein ansprechender Instagram-Auftritt ist. "Instagram ist eine der Hauptinspirationsquellen, besonders für Millennials", sagt stellvertretende Unternehmenssprecherin Andrea Zefferer. "Es ist also ein Kanal, der unbedingt bespielt werden muss." Dabei arbeitet man mit vornehmlich nutzergenerierten Inhalten, also Fotos, die Touristen und Einheimische der Plattform unter dem Hashtag #viennagoforit zum Posten zur Verfügung stellen. Die User tragen also mit ihren Posts selbst aktiv zum Marketing der Stadt bei. Was tatsächlich übernommen wird, hängt davon ab, ob Bildqualität und Motiv den Anforderungen entsprechen. Gerade als Wiener Tourismusverband kommt man da natürlich auch nicht um die sehenswürdigen Dauerschlager wie Stephansdom und Co. umhin. Immerhin sind sie es ja auch, die das internationale Profil der Stadt maßgeblich prägen.

Gleichzeitig ist man aber seit einigen Jahren um einen Image-Wechsel bemüht, der über historische Prunkbauten und Fiaker-Romantik hinausgeht. Die Vielfältigkeit der Stadt soll ins Zentrum rücken. "Wir sehen unsere Aufgabe darin, dass wir nicht nur die Highlights bewerben, sondern auch Attraktionen außerhalb des Zentrums", sagt Zefferer. Dafür eignet sich Instagram so gut wie kaum ein anderes Marketing-Tool. Durch das schier unbegrenzte Volumen an Bildmaterial, das hier herumschwirrt, muss sich die Tourismusbranche längst nicht mehr auf einige wenige Themenkampagnen und Sehenswürdigkeiten beschränken. Strategien wie Kooperationen mit Influencern oder sogenannte InstaWalks, also Fototouren durch die Stadt, die diverse Plattformen für einheimische Instagramer organisieren, sprechen zwar auf den ersten Blick nicht direkt die Touristen an, besitzen aber in weiterer Folge großen Mehrwert. Denn Follower und Interessierte bekommen dadurch Inhalte ausgespielt, die vordergründig eben nicht wie klassische Hau-Drauf-Werbung wirken, sondern im besten Fall wie hübsche persönliche Schnappschüsse direkt aus der Region. Dass dahinter meist nicht spontanes Ablichten auf einsamen Straßen, sondern stundenlanges intensives Posieren und dazu eine Horde anderer Fotografierender stecken, fällt nicht wirklich ins Gewicht. Was zählt, ist wie so oft die Illusion.

Viele beliebte Destinationen springen auf den Zug ins Filter-Wunderland auf und greifen ihren Besuchern vor Ort eifrig unter die vom Selfie-Posen steifen Arme. Ein Hotel auf den Malediven stellt seinen Gästen etwa einen Instagram-Butler zur Seite, der sie zu den Instagram-tauglichen Fotomotiven führt. Mancherorts markiert man den idealen Standort fürs digitale Selbstporträt angeblich sogar mit Kreisen auf dem Boden. Ähnliches sucht man in Wien vergeblich. Und das hat guten Grund. Speziell WienTourismus geht es darum, das oberflächliche Reisen um des Fotos willen mit solchen Angeboten nicht noch zusätzlich zu befeuern. Es soll beim Wienbesuch nach wie vor um das aktive Erleben der Stadt gehen.

Bedenklicher Massentourismus

Schließlich kann ein starker Instagram-Hype auch zur Herausforderung werden, besonders für kleinere Destinationen, die mit dem Touristentrubel deutlich weniger Erfahrung haben als Großstädte wie Wien. Das Überlaufen bestimmter Reiseziele jedoch Instagram allein anzulasten, wäre nicht fair. Immerhin gab es das Phänomen des oberflächlichen Massentourismus schon, als das sogenannte Duckface noch ausschließlich der Entenvisage vorbehalten war. In vielen Fällen schlägt Instagram zwar in eine Kerbe, die ohnehin längst bedenkliche Dimensionen angenommen hat, wie etwa in Hallstatt oder Venedig. Aber gleichzeitig besitzt vor allem die App selbst mit der unbegrenzten Vielfalt an Inhalten das Potenzial, den Massenandrang etwas zu zerstreuen und den Fokus bewusst auf weniger bekannte Fleckchen außerhalb der touristischen Ballungszentren zu legen.

Die Instagram-Tauglichkeit Wiens macht genau diese Mischung zwischen dauerfrequentierten Sehenswürdigkeiten und weniger touristischen Motiven erst aus: imperiales Erbe einerseits, moderne Bauten andererseits; die Facetten zwischen Fiaker und Krieau. Durch die Möglichkeit, Wien auch abseits von Sisi und Steffl für Touristen attraktiv zu machen, hat Instagram das Bild der Stadt in den letzten Jahren durchaus erweitert. "Viele Menschen assoziieren Wien mit einem traditionellen Image. Instagram ermöglicht es, darüber hinauszugehen", sagt Lidija Lalicic. "Es macht Wien zugänglicher, besonders auch für jüngere Besucher." Wo Instagram für den Tourismus im Allgemeinen also Segen und Fluch zugleich ist, scheint es für den Wiener Tourismus überwiegend Segen zu sein. Bestimmt ist es aber vor allem eines: Ein hochkontrastreiches Kaleidoskop an Möglichkeiten, das Tourismusbranche und Reisende näher zusammenbringt als vielleicht vermutet.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-02-08 17:17:08
Letzte Änderung am 2019-02-08 17:19:29



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