Wiener Zeitung: Frau Czasný, wie plant man auf wissenschaftlicher Grundlage die Zukunft eines ganzen Gesundheitssystems? Kann man sich das so ähnlich vorstellen wie die Wetter-Simulationen der Meteorologen?

Ines Czasný: Wir entwickeln derzeit ein Simulationsmodell zur Abschätzung des künftigen Personalbedarfs, das verschiedene Parameter berücksichtigt. Zum Beispiel auch das Zusammenspiel von Ärzten und Pflegepersonal. Bisher wurden diese Berufsgruppen immer getrennt analysiert. Wenn ich darüber nachdenke, wie der Einsatz von Ärztinnen und Ärzten optimiert werden kann, dann muss ich aber das ganze System betrachten. Allerdings darf man sich das nicht wie eine Wetter-Simulation vorstellen: ein Weltmodell für das Gesundheitssystem ist noch nicht in Sicht. Aber einzelne Aspekte können wir bereits ganz gut abbilden.

Dann schauen wir uns vielleicht einen dieser Aspekte näher an. Sie haben in einer ihrer Arbeiten die Frage selbst aufgeworfen: Ärztebedarf - was ist Mythos, was ist Wahrheit?

Es ist eine Frage der Sichtweise. Man neigt in der öffentlichen Debatte dazu, das Wort Ärztebedarf als Synonym für Ärztemangel einzusetzen. Der tatsächliche Ärztebedarf lässt sich aber nur abschätzen, wenn man differenziert: Von welcher Region reden wir? Von welcher strukturellen Einheit - der Station in einem Krankenhaus oder einer Kassenordination? Von welcher Fachrichtung? Ich bin immer noch der Meinung, dass wir österreichweit, insgesamt gesehen, über alle Regionen, Strukturen, Fachrichtungen hinweg, keinen Mangel an Ärztinnen und Ärzten haben. Das heißt aber keineswegs, dass es nicht in einzelnen Bereichen bereits Mangelerscheinungen gibt. Um ihre Frage zu beantworten: Ein Teil ist Mythos, ein Teil Wahrheit.

Eine EU-weite OECD-Statistik gibt ihnen Recht, Österreich rangiert in der Ärztedichte auf Platz 2. Nur Griechenland ist noch besser - was, angesichts der katastrophalen Wirtschaftskrise in diesem Land, einigermaßen überraschend scheint.

Die Statistik, auf die sie sich beziehen, enthält eine Fußnote: es stehen nicht alle griechischen Ärztinnen und Ärzte, die da eingerechnet wurden, in direktem Patienten-Kontakt. Es wurden zum Beispiel auch Manager und Forscher mitgezählt. Wenn man diese Personen aus der OECD-Statistik herausnimmt, würde die Ärztedichte in Griechenland wohl um einiges geringer ausfallen.