Dann hielte aber Österreich den ersten Platz. Lässt das den Umkehrschluss zu, dass wir zu viele Ärzte haben?

Die Statistik, von der wir reden, zählt Köpfe. Solche Kopf-Zahlen sind natürlich hilfreich, wenn man Spitalsstellen plant, oder Studien-und Ausbildungsplätze. Wenn ich es vom Bedarf her sehe, reicht das Zählen von Köpfen aber nicht. Da spielt die so genannte Versorgungswirksamkeit eine maßgebliche Rolle. Auch in der Wirtschaft ist es üblich, sowohl Köpfe als auch Vollzeitäquivalente zu betrachten. Auch im Gesundheitssystem gibt es Vollzeitäquivalente in jenen Bereichen, wo Ärzte angestellt tätig sind. Nicht aber im niedergelassenen Bereich. Um die Versorgungswirksamkeit dennoch abzuschätzen, wurden verschiedene Konzepte entwickelt, unter anderem jenes der "ambulanten Versorgungseinheit". Dafür wird zum Beispiel ein Kassenarzt anhand seiner E-Card-Erstkontakte statistisch gewichtet. Im Wahlarztsektor  erfolgt die Abschätzung der Versorgungswirksamkeit über die abgerechneten Honorare.

Wir haben also auf der einen Seite die "Kopfzahlen", auf der anderen Seite die statistische Größe der "ambulanten Versorgungseinheiten". Die Bedarfsschätzungen, die sich daraus ergeben, sind durchaus unterschiedlich, und die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Die relativ hohe Zahl an Ärztinnen und Ärzten, die wir haben, ist zu einem großen Teil auch dadurch bedingt, dass wir in Österreich ein krankenhauslastiges, personalintensives System haben.

Sie selbst konstatieren in einer Studie aus dem Jahr 2012, dass ab etwa 2020 wegen der anstehenden Pensionierungen der Medizin Köpfe fehlen könnten. Wie real ist die Gefahr eines Ärztemangels?

Es lässt sich derzeit wissenschaftlich weder seriös abschätzen, ob es ab 2020 eine Lücke geben wird, noch, wie groß sie sein könnte. Das hat viele Gründe, unter anderem auch den, dass wir uns derzeit mitten in einer Gesundheitsreform befinden. Da gibt es zwei Faktoren, die besonders wichtig sind: zum einen die ärztliche Ausbildung, die sich mit der letzten Novelle des Ärztegesetzes gerade stark ändert. Das wird sich auf die Ausbildungsdauer auswirken, und das ändert auch die Zahl der künftig zur Verfügung stehenden Ärztinnen und Ärzte. Der zweite wichtige Faktor ist der tatsächliche Ärztebedarf. Der steht auch nicht fest, der ändert sich. Es wird im Zuge der Gesundheitsreform Veränderungen geben, die den Bedarf erhöhen, es wird aber auch welche geben, die ihn verringern.

Was verändert den Bedarf - die Demographie, der Umstand, dass die Österreicher immer älter werden?

Der demographische Faktor ist ein Aspekt, und er hat den Nachteil, dass ihn die Entscheidungsträger nur relativ schwer beeinflussen können. Eine wachsende und zugleich alternde Gesellschaft braucht mehr Gesundheitsdienstleistungen. In Österreich entwickeln sich die Regionen aber durchaus unterschiedlich. Wien zum Beispiel wird in den nächsten Jahren den stärksten Bevölkerungszuwachs haben, gleichzeitig aber am wenigsten von der Alterung betroffen sein. Allerdings ist Wien auch das Bundesland mit dem höchsten MigrantInnen-Anteil, und diese Gruppe hat wieder stärker mit Gesundheitsproblemen zu kämpfen. Aber nicht nur die Demographie verändert den Bedarf. Es gibt ja auch noch die epidemiologische Entwicklung. Die Faktoren, die zur Gesundheit oder Krankheit beitragen, ändern sich im Laufe der Zeit. Man muss beispielsweise davon ausgehen, dass es immer mehr chronisch Erkrankte geben wird.