Auch die Demographie der Ärzte ändert sich. Was heißt das für allfällige Reformen?

Es geht nicht nur um mehr oder weniger vom selben, sondern auch um neue Strukturen. Immer mehr Frauen werden Ärztinnen, und auch immer mehr Männer legen Wert auf eine gesunde Work/Life-Balance. Das geht nur mit neuen Organisationsformen. Aus Deutschland wissen wir, dass eine wachsende Zahl von Ärztinnen und Ärzten bevorzugt als Angestellte arbeiten, während der Anteil an Einzelpraxen rückläufig ist. Wenn man gemeinsam tätig ist, gibt es mehr Möglichkeiten, sich Leben und Arbeit einzuteilen.

In bestimmten Regionen, in bestimmten Fachrichtungen gibt es bereits einen Ärztemangel, da sind selbst Kassenstellen nur mehr schwer nachzubesetzen. Das hat auch mit den Arbeitsbedingungen zu tun, nicht nur im niedergelassenen Bereich, sondern auch in den Krankenanstalten. Die Arbeitsplätze müssen attraktiver werden, und die Attraktivität steht und fällt mit den organisatorischen Rahmenbedingungen. Die Gesundheitsreform muss das berücksichtigen.

Wie nimmt sich das aus der Sicht der Patienten aus? In Wien zum Beispiel gibt es einen Wahlarzt-Boom, eine exorbitante Vermehrung der Wahlarzt-Praxen. Auf der anderen Seite bleibt der Anteil der Kassenordinationen seit Jahren gleich, in Relation zur Bevölkerungsentwicklung sinkt er sogar. Das führt statistisch zu bemerkenswerten Ausreißern: in Simmering kommen zum Beispiel auf einen Kinderarzt potentiell 5000 Kinder, in der Innenstadt ist dieses Verhältnis deutlich besser. Selbst wenn man das gut ausgebaute Verkehrsnetz in Rechnung stellt, kann der Arztbesuch für eine alleinerziehende Mutter mit einem fiebernden Kind äußerst unangenehm werden. Anders gesagt: Wer das Geld hat, leistet sich den nächstgelegenen Wahlarzt. Wer die 90 bis 120 Euro nicht aufzubringen vermag, die beim Wahlarzt im Durchschnitt anfallen, muss überfüllte Praxen ertragen. Sehen Sie das auch so?

Der Wahlarzt-Sektor nimmt massiv zu, das stimmt. Eine Anmerkung aber zur Entwicklung des Vertragsarzt-Sektors: Ich muss da wieder auf den Begriff der Versorgungswirksamkeit zurückkommen. Auch Kassenordinationen zu zählen genügt nicht. Früher gab es zum Beispiel keine Regelungen bei den Öffnungszeiten der Ordinationen. In neuen Kassenverträgen sind die Öffnungszeiten geregelt, und diese sind üblicherweise länger als bei alten Verträgen. Deshalb kann man auch mit einer gleichbleibenden Zahl von Kassenordinationen eine bessere Versorgungswirksamkeit erreichen. Die Zahl der Ärztinnen und Ärzte bedeutet natürlich etwas, aber nicht alles. Ich muss sie immer ein Stück weit relativieren. Trotzdem, die Entwicklung des Wahlarzt-Sektors ist auffällig.